Fliegerschicksale über Lumda, Lahn und Ohm
  07. Oktober 1944
 


Schiffelbach, Samstag, 7. Oktober 1944

 

Am 7. Oktober 1944 griffen Teile der 361. US-amerikanischen Fighter Squadron den Flugplatz in Fritzlar an. Nachdem sie ihren Begleitauftrag für die viermotorigen Bomber beendet hatten, sahen die Piloten auf dem Rückflug den mit Nachtjägern des Nachtjagdgeschwaders 1 belegten Flugplatz und flogen mehrere Tiefangriffe.

Aus einer Höhe von etwa 20.000 Fuß und einer leichten Linkskehre flogen die Piloten in ihren Republic P-47 „Thunderbolt” Ziele auf dem Flugfeld von Osten nach Westen an.
Nach Angaben der Angreifer wurden 16 Me 110, eine Ju 88, eine Hs 123 und drei weitere ihnen unbekannte deutsche Maschinen zerstört oder beschädigt.
Nachdem der US-Pilot, 1st.Lt. Freeman F. Hooker, beim ersten Überflug seinen eigenen Schwarm aus den Augen verloren hatte, schloß er sich einem anderen Schwarm zu zwei weiteren Überflügen an.
Während des ersten dieser Angriffe hörte er im Funksprechverkehr die Stimmen von zwei Piloten, die meldeten, getroffen worden zu sein, und während des dritten Angriffs hörte er noch die Stimme eines weiteren Piloten, der ebenfalls angab, Treffer erhalten zu haben.
Die leichte Flak auf und um den Flugplatz hatte die Angreifer in ihre Visiere genommen und einige tausend Schuß abgegeben.
Lt. Hooker ertdeckte eine der getroffenen Maschinen und setzte sich in einer Höhe von etwa 2.000 Fuß neben sie, teilte dem Piloten über Funk mit, daß sein Motor stark rauche und es besser sei, wenn er mit dem Fallschirm abspringe.
Die rauchende Maschine verlor immer mehr an Höhe, und dann, bei etwa 1000 Fuß, verließ der Pilot seine „Thunderbolt” über die rechte Seite. Die nun führerlose Maschine senkte sich leicht und ging in großen Spiralen zu Boden.

Der Fallschirm des abgesprungenen Piloten öffnete sich und brachte diesen sicher in einem Waldgebiet zu Boden. Die Maschine schlug nach einer letzten Drehung um 13.30 Uhr mit der Frontpartie zuerst auf dem Boden auf. Ein Aufschlagbrand konnte nicht beobachtet werden.

Noch zwei- bis dreimal überflog Lt. Hooker die Aufschlagstelle und konnte dabei Zivilisten am Boden erkennen, die sich aus einer Entfernung von etwa 1,5 km der Aufschlagstelle näherten. Dann flog Hooker zurück in Richtung Flugplatz Fritzlar, von wo er seinen Rückflug begann.

Der Pilot in der abgeschossenen Maschine war der am 10. Oktober 1922 in Tacoma im US-Staat Washington geborenen 1st.Lt. Paul Joseph Roberts Jr., ausgezeichnet mit dem Distinguished Flying Cross, der Air Medal mit vier Eicheln und dem Purple Heart. Er sollte seine Heimat nicht wiedersehen.

Die Maschine, eine bei Republic in Farmingdale, New York, gebaute P-47 D-15 RE „Thunderbolt” mit der Werknummer 42-76177, stürzte in der Gemarkung Gerlachshain bei Schiffelbach ab und wurde beim Aufschlag zertrümmert. Paul J. Robert Jr. landete nur etwa 200 Meter von der Aufschlagstelle entfernt, entledigte sich seines Fallschirms und konnte entkommen. Die von den deutschen Behörden sofort eingeleiteten Suchaktionen blieben erfolglos, nur der Fallschirm mit der Aufschrift „Lt. Roberts” auf der Tasche wurde entdeckt.



(Abschrift des Missing Air Crew Reports.) (Archiv Sohl)

Die Trümmer der abgestürzte Maschine wurden bis zum 09. Oktober von der Landwacht Schiffelbach bewacht und dann von der Werftabteilung Wohra abtransportiert.

Von dem Piloten aber fehlte zunächst jede Spur.

Nachdem die Amerikaner Ende März 1945 das Gebiet erreicht hatten, begannen die Nachforschungen. Dabei stießen man auf deutsche Unterlagen aus dem Oktober 1944, die die Grablage von Lt. Paul J. Roberts mit dem Friedhof in Friedensdorf angaben. Als Todestag wurde der 15.10.1944, also gut eine Woche nach dem Absturz, genannt. Die Meldung an den Fliegerhorst Gießen beinhaltete noch den Zusatz: „Leiche im Raum Gießen geborgen”.

Aufgrund dieser Differenz zwischen Absturztag und Todestag folgten weitere sehr intensive Nachforschungen, die sich hauptsächlich auf den Raum um Friedensdorf beschränkten.

Die Aussage eines Friedensdorfers an die amerikanischen Streitkräfte, daß der Pilot erschossen worden sei, war der Beginn einer großangelegten Aktion in Friedensdorf, bei der wahllos Bürger auf der Straße aufgegriffen wurden, um den Leichnam auszugraben. Bei der Untersuchung des Toten wurde zweifelsfrei festgestellt, daß er durch einen Kopfschuß aus nächster Nähe ums Leben kam.



(Das Grab von Lt. Roberts auf dem Ehrenfriedhof Arlington.)
(Foto: Hans-Joachim Adler) 

Was aber war nun wirklich geschehen?
Lt. Roberts landete unverletzt und versuchte, nach Westen zu entkommen. Die amerikanischen Streitkräfte waren nicht mehr allzuweit von der deutschen Westgrenze entfernt.

Zunächst entkam er auch. Am 15.10.1944, also 8 Tage später, wurde er in der Nähe von Buchenau festgenommen. In der Gemarkung „Wolfsgeschirr” fand ein Spaziergänger Ausrüstungsgegenstände gefunden, die darauf schließen ließen, daß sich ein „feindlicher” Flieger noch vor kurzem dort aufgehalten hatte. Der Spaziergänger nahm die Sachen an sich und brachte sie zur Ortspolizei, wo er sofort Meldung erstattete. Ein weiterer Spaziergänger meldete, daß er in der Gemarkung „Saunest” einer verdächtigen Person begegnet sei, die ihn in gebrochenem Deutsch angesprochen und nach dem Weg gefragt habe.

Die Ortspolizeibehörde meldete dies sofort an das Landratsamt, welches unverzüglich die Kreisgendarmerie in Bewegung setzte. Landwacht und Einwohner machten sich auf die Suche. Noch vor Einbruch der Dämmerung wurde Roberts gefangengenommen, ins Rathaus geführt und dort verhört. Der Besitzer der Carlshütte, Herr Schmidt, der längere Zeit in Amerika gelebt hatte, übersetzte die Fragen und Aussagen. Nach dem Verhör wurde Roberts ins Spritzenhaus gesperrt und der zuständigen vorgesetzten Dienststelle der gesamte Vorgang gemeldet. Der anwesende Gendarmeriekreisführer und Oberleutnant Karl Menge soll während des Verhörs mehrmach darauf gedrungen haben, daß der Pilot erschossen werde. Aus Biedenkopf soll die Aussage, von der vorgesetzten Polizeidienststelle gekommen sein, daß man den Terrorflieger nicht lebend sehen wolle.

Der Gendarm, Wilhelm Dietermann, der in Friedensdorf stationiert war, wurde nach Buchenau beordert und von Menge mit der Frage konfrontiert, ob ihm der Befehl des Reichsführers-SS Himmler bekannt sei, daß alliierte Flieger nicht lebend gefangengenommen werden sollten.
Dietermann bejahte dies und führte Roberts in Richtung Friedensdorf ab, nachdem ihm die Arme auf den Rücken und die Füße gefesselt worden waren.
Unterwegs lockerte Dietermann die Fußfesseln, um dem Gefangenen ein schnelleres Gehen zu ermöglichen.

Bei seinen Vernehmungen durch die amerikanische Gerichtsbarkeit gab Dietermann weiter an, daß der Gefangene ihn auf dem Weg durch die Dunkelheit plötzlich angegriffen habe. Der Amerikaner habe ihm in den Schritt gefaßt und sein Handgelenk umgedreht. Dietermann konnte die Angriffe aber abwehren, und man setzte den Weg gemeinsam fort, bis man an der Straße nahe der Brücke zur Carlshütte auf einen Wagen stieß, in dem auch Menge saß. Mit diesem Wagen befuhr man daraufhin die Straße bis zu einer nahegelegenen Kreuzung. An dieser Kreuzung stiegen Menge, Dietermann, der amerikanische Pilot und ein weiterer Mann aus. Menge übergab Dietermann die von Roberts konfiszierte Waffe und entfernte sich mit den Worten: „Hier haben Sie eine Pistole, verpassen Sie dem Kerl einen Schuß in den Kopf.”

Roberts begriff, was jetzt geschehen sollte und griff Dietermann an. Es gelang ihm auch, diesen auf den Boden zu stoßen. Dietermann selbst schlug zunächst mit der Waffe auf den Flieger ein und schoß ihm schließlich in den Kopf.

Der Tote wurde am nächsten Tag in einer Holzkiste auf einem abgelegenen Teil des Friedhofs in Friedensdorf beigesetzt.

Wilhelm Dietermann und Andreas Ebling, der als vierter Mann an dem Geschehen beteiligt war, wurden von den Amerikanern vor Gericht gestellt. Der Prozeß fand am 10. und 11. Oktober 1945 im Grandhotel in Heidelberg statt.
Beide plädierten auf „nicht schuldig”. Andreas Ebling wurde auch für „nicht schuldig” befunden und freigesprochen.

Dietermann gab an, nur in Notwehr geschossen zu haben, da der Amerikaner ihn angegriffen habe. Die Gerichtskommission erkannte diese Version aber nicht an und verurteilte Wilhelm Dietermann zum Tode durch den Strang.
Das Todesurteil wurde am 09. November bestätigt und die Hinrichtungsmethode auf Tod durch Erschießen umgewandelt, ja der Amerikaner zuerst den Deutschen angegriffen habe. Nochmals 20 Tage später aber empfahl eine weitere Überprüfungskommission die Hinrichtungsmethode wieder in Tod durch Erhängen umzuwandeln.

Am 12. Januar 1946 wurde Wilhelm Dietermann in Bruchsal am Galgen hingerichtet und drei Tage später dort beigesetzt. Im April wurde sein Leichnam in seinen Heimatort Oberscheld überführt, wo er seine letzte Ruhestätte fand.
Was mit dem damaligen Gendarmeriekreisführer Karl Menge geschah, konnte bisher nicht geklärt werden. Er war am Ende des Krieges untergetaucht oder gefallen und entging so der amerikanischen Gerichtsbarkeit.

Der Leichnam von Paul J. Roberts Jr. wurde im April 1945 nach seiner Exhumierung in Friedensdorf zunächst nach Eisenach überführt, wo er am 01. Mai 1945 erneut beigesetzt wurde. Nachdem bekannt wurde, daß dieses Gebiet den Sowjets übergeben werden sollte, wurde er nach Margraten in den Niederlanden überführt. Aber auch dort fand er nicht seine endgültige Ruhestätte. Im Jahr 1948 wurde er erneut exhumiert und in seine Heimat überführt. Dort ruht er heute auf dem Heldenfriedhof in Arlington.

Unsere Suche nach Angehörigen des Getöteten blieben bisher erfolglos. In den Vereinigten Staaten gibt es einen Schießwettbewerb mit dem Namen „Paul J. Roberts Jr. Trophy”. Der Pokal für dieses Schießen wurde vom Vater des Fliegers ins Leben gerufen. Doch leider konnte man uns auch dort bisher nicht weiterhelfen.

Von unserem Hobbykollegen Hans-Joachim Adler aus Frankenau, der in der „Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg Ederbergland” sehr aktiv ist, bekamen wir Fotos des Grabes in Arlington und ein kleines Foto des Piloten, welche wir hier mit seiner Genehmigung gerne wiedergeben möchten.

(Paul Joseph Roberts Jr.) (Foto: Hans-Joachim Adler, Frankenau)

Im November 2012 gelang es dann Horst Jeckel aus einem amerikanischen Archiv das folgende Foto zu bekommen.
Das Foto zeigt als Zweiten von Rechts Paul Joseph Roberts Jr. im Kreise einiger seiner Kameraden.

(Paul J. Roberts Jr., 2 v.r.)(Foto: Horst Jeckel)
 

Absturz eines einmotorigen amerikanischen Jagdflugzeugs

 

Ort:      Schiffelbach, Gemarkung „Gerlachshain”

Datum:      07. Oktober 1944

Uhrzeit:      ca. 13.30 Uhr

Flugzeugtyp:      Republic P-47 D-15 RE „Thunderbolt”

Werknummer:      42-76177

Kennung:      Q I (Stern) P

Motor:      1 luftgekühlter Pratt&Whitney R-2800-59 Doppelsternmotor

Einheit:      361. Fighter Squadron in der 356. Fighter Group

Startflughafen:      Martlesham Heath , Suffolk (England)

Pilot:      1stLt. Paul Joseph Roberts Jr.

Erkennungsmarke:      O-1283139

Geburtsdatum:      10. Oktober 1922

Geburtsort:      Tacoma, Washington (USA)

Verbleib:      Am 15.10.1944 bei Friedensdorf erschossen

Grablage:      Arlington (USA)

Absturzursache:      Flaktreffer durch Flugplatzflak Fritzlar

 


 
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