Fliegerschicksale über Lumda, Lahn und Ohm
  16. August 1944
 
 

 

Rauschenberg, Mittwoch, 16. August 1944
 

Es war am Vormittag, gegen 10.40 Uhr, als bei Rauschenberg, nahe dem Gelände der Ziegelei ein deutsches Jagdflugzeug vom Typ Messerschmitt Bf 109 G-6/AS abstürzte.
Der Flugzeugführer, Unteroffizier Alfred Hanagarth von der 6. Staffel des Jagdgeschwaders 27, wurde im Luftkampf mit amerikanischen Jagdflugzeugen verwundet und mußte mit dem Fallschirm aussteigen.
Er landete so bei Halsdorf und wurde aufgrund seiner Verwundungen in die Chirurgische Klinik nach Marburg/Lahn gebracht.
Gestartet war Uffz. Hanagarth mit seiner „Gelben 12”, Werknummer 412 751, in Fels am Wagram.

Die II. Gruppe des Jagdgeschwaders 27 sollte in einem größeren Gefechtsverband mit der I./JG 3 „Udet”, der II./JG 5 und der I./JG 300 gegen den amerikanischen Jagdschutz antreten, der insgesamt fast 1100 viermotorige Kampfflugzeuge gegen Ziele der Treibstoffindustrie und Flugplätze im mitteldeutschen Raum begleitete.
Bei den heftigen Luftkämpfen mit den amerikanischen Begleitjägern gelang den Flugzeugführern der II./JG 27 kein Luftsieg.
Aber insgesamt sechs deutsche Messerschmitt Bf 109-Jagdflugzeuge dieser Jagdgruppe wurden von den amerikanischen P-51 „Mustang” abgeschossen.
Zwei der Flugzeugführer fielen, zwei wurden verwundet, und die anderen beiden sprangen unverletzt aus ihren Maschinen ab und konnten sich retten.
Einer der beiden Verwundeten, Unteroffizier Alfred Hanagarth, der seine Maschine in der Luft über dem hiesigen Landkreis verlassen mußte, berichtete uns im Januar 1999 über diesen Luftkampf:



(Die 6. Staffel des Jagdgeschwaders 27 im Juli 1944 auf dem Einsatzhafen Fels am Wagram in Österreich. 2. von rechts: Unteroffizier Alfred Hanagarth.)(Foto: Alfred Hanagarth)
 

Während des Luftkampfes mit amerikanischen Jägern am 16. August 1944 setzten sich drei Mustangs hinter mich ab. Ich versuchte sofort, nach oben „wegzukurven”, doch war es bereits zu spät.
Ich erhielt mehrere Treffer in den Motor, den Führersitz und das Leitwerk. Die Me 109 war dadurch nicht mehr steuerungsfähig und kippte in die Sturzlage über.

Zum Glück konnte ich trotz meiner schweren Verwundung in der Höhe von ca. 8.000 bis 9.000 Meter Höhe aussteigen. Beim Abwurf der Kabinenhaube hatte ich keine Probleme, doch von der Maschine wegzukommen war sehr schwierig. Durch den Sog klebte ich förmlich an meinem „Vogel”. Jetzt nur keine Leitwerkberührung, war mein Gedanke. Instinktiv warf ich mich hin und her.

Durch den Luftwiderstand kam ich endlich frei, ohne gegen das Leitwerk zu knallen. Ich blutete stark.

Wegen des vom Gegner teilweise geübten „Scheibenschießens” auf Fallschirme, ließ ich mich durchfallen und versuchte erst bei ca. 4.000 bis 5.000 Meter die Reißleine zu ziehen.

Durch den Fahrtwind schlug es mir jedoch immer wieder die Hand weg. Automatisch preßte ich die rechte Hand an den Leib und konnte so den Griff der Reißleine ziehen.

Es war wie eine Erlösung, als es den üblichen Ruck gab und sich der Pilz des weißen Fallschirms über mir wölbte.

Auch die Blutungen ließen nach, und ich hing in der warmen und ruhigen Augustluft zwischen Himmel und Erde. „Wo, und vor allem wie kommst du runter?” war meine nächste und brennende Frage. Es war schließlich zu erkennen, daß ich in ein Waldstück fallen werde. Die Erde kam zum Schluß rasch auf mich zu, und ich landete zu meiner Überraschung sanft neben einem dicken Baumstamm. Meine Suche nach meinem Fallschirm endete ebenfalls mit einem überraschenden Ergebnis.

Ich sage auch nach 55 Jahren noch immer mit großer Dankbarkeit: „Mein Schutzengel” hatte den Fallschirm zu einem Bündel zusammengeknüllt und wunderbarerweise fein säuberlich hinter mich gelegt.

Die nächsten „Schutzengel”, die mich in die Klinik nach Marburg/Lahn fuhren, waren bereits zu mir unterwegs.

So weit Alfred Hanagarth zu diesem Luftkampf und seinem Fallschirmabsprung.

Anzumerken sei noch, daß er, wenn er den Fallschirm schon in großer Höhe von etwa 8.000 bis 9.000 Metern Höhe geöffnet hätte, unweigerlich den Höhentod gestorben wäre.

In dieser Höhe reicht der Sauerstoff in der Luft nicht aus, um zu überleben.

Ab einer Höhe von etwa 4.000 Meter brauchte ein Flieger den Sauerstoff, der aus den mitgeführten Behältern durch die Sauerstoffanlage in die Sauerstoffmaske floß.

Es geschah leider recht oft, daß Piloten oder andere Besatzungsmitglieder in großen Höhen ausgestiegen sind, den Fallschirm öffneten und dann nur noch tot am Boden ankamen.
Man mußte sich also mit ungeöffnetem Fallschirm weit durchfallen lassen.
Ein anderer Hinweis von Uffz. Hanagarth betrifft das „Scheibenschießen” der Amerikaner auf Fallschirme.
Es steht heute außer Frage, daß eine nicht geringe Anzahl deutscher Flugzeugführer nach dem rettenden Absprung aus der Maschine von den amerikanischen Gegnern in der Luft beschossen wurde. Viele starben an den Schußwunden, die sie am Fallschirm erhielten. Anderen wurde der Fallschirm so zusammengeschossen, daß er die Fallgeschwindigkeit nicht mehr genügend abbremsen konnte und der Flieger beim Aufprall auf den Boden starb. Überliefert ist auch, daß amerikanische Piloten manchmal so an den am Fallschirm hängenden Fliegern vorbeigeflogen waren, daß der Fallschirm wieder zusammenklappte.

Das nur als eine kleine Anmerkung. Es gab also auch für die Flieger viele Arten zu sterben.
Von den „ritterlichen Luftkämpfen” des 1. Weltkrieges und den ersten Jahren des 2. Weltkrieges war man Welten entfernt.


 

Absturz eines einmotorigen deutschen Jagdflugzeugs

Ort:     Rauschenberg, An der Ziegelei

Datum:      16. August 1944

Uhrzeit:     ca. 10.40 Uhr

Flugzeugtyp:     Messerschmitt Bf 109 G-6/AS

Werknummer:     412 751

Kennung:     „Gelbe 12”

Motor:     1 flüssigkeitsgekühlter Zwölfzylinder hängender V-Motor Daimler Benz DB 605

Einheit:     6. Staffel/ Jagdgeschwader 27

Startflughafen:     Fels am Wagram

Flugzeugführer:     Uffz. Alfred Hanagarth

Erkennungsmarke:

Geburtsdatum:      11. Mai 1923

Geburtsort:

Verbleib:      Verwundet - Fallschirmabsprung

Absturzursache: Luftkampf mit P-51 „Mustang” der 8. USAAF

  


 
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