Fliegerschicksale über Lumda, Lahn und Ohm
  19. Oktober 1944
 

Wiera, Donnerstag, 19. Oktober 1944

Am späten Abend dieses Tages stürzte in der Nähe des Silberwäldchens bei Wiera ein zweimotoriger deutscher Nachtjäger der II. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 2 ab, nachdem die Besatzung in Luftnot geraten war und mit Fallschirmen die Maschine vom Typ Junkers Ju 88 G-1 bereits verlassen hatte.

Bei unseren Recherchen konnten wir ermitteln, daß die dreiköpfige Besatzung, bestehend aus dem Flugzeugführer, Hptm. Fritz Berger, geb. am 25.05.1913 in Seebnitz, Schlesien, dem Bordfunker Uffz. Herbert Anders, geb. am 14.12.1917 in Bad Lausick, und dem Bordmechaniker, Uffz. Reinhold Leuze, geb. am 05.11.1923 in Ersingen, vom Fliegerhorst Köln-Butzweilerhof zur Abwehr eines britischen Bombenangriffs in Richtung Süddeutschland gestartet war.

Im Raum Frankfurt geriet die Maschine in einen Luftkampf mit vermutlich britischen Bombern, die in dieser Nacht Angriffe auf Stuttgart und Nürnberg flogen. Während dieses Feindkontaktes wurde die Maschine von Splittern der eigenen Flak getroffen.

Nur kurzzeitig konnte die Maschine noch in der Luft gehalten werden.

Die Besatzung mußte also die Maschine mit dem Fallschirm verlassen. Der Flugzeugführer, der als letzter absprang landete unverletzt bei Wasenberg. Der Bordfunker, ebenfalls unverletzt bei Neustadt und der schwer verwundete Bordmechaniker bei Speckswinkel. Die beiden erstgenannten Besatzungsmitglieder wurden zum Fliegerhorst nach Ziegenhain gebracht, von wo sie ihre Einheit verständigen konnten, Uffz. Leuze, schwerverwundet, in die Chirurgische Klinik nach Marburg.

Die nun führerlose Maschine stürzte nach nur kurzer Flugzeit in der Nähe des Silberwäldchens zwischen Treysa und Wiera zu Boden und wurde beim Aufschlag vollständig zertrümmert.

Durch Eintrag in Unterlagen im Hessischen Staatsarchiv in Marburg konnten wir noch herausfinden, daß die Maschine die Kennung 4 R + E C getragen hatte.
Die erste Buchstaben- /Zahlenkombination, also 4 R war die Kennung des Nachtjagdgeschwaders 2 und der letzte Buchstabe, hier das C steht für die jeweilige Teileinheit im Geschwader, in diesem Fall der Stab der II. Gruppe.
Der erste Buchstabe hinter dem Balkenkreuz gibt die Position der Maschine in der jeweiligen Teileinheit an.
Hier also die 5. Maschine (E) im Gruppenstab der II. Gruppe (C) des Nachtjagdgeschwaders 2 (4R).

Als wir vor einigen Jahren eine Kopie der Einheitsverlustmeldung dieser Nacht bekamen, war unter den Verlusten des Nachtjagdgeschwaders 2 aufgeführt:

Treysa/Ziegenhain b. Kassel 19.10.44 22.35 Uhr

Feindflug Stako II./NJG 2

Uffz. aktiv 2 Jahre Bordfunker Reinhold Leuze Erkennungsmarke 60780 a/6

geboren am 05.11.1923 in Ersingen/Donau

Verwundet durch Flaksplitter (schwer)

Nähere Umstände: Fallschirmabsprung. Abgeschossen durch eigene Flak.

Als handschriftlicher Nachtrag war noch vermerkt:

Ju 88 G-1 und die Werknummer 713 635.

 

Mit Hilfe einer Adressenliste gelang es uns Mitte Oktober 1994, also fast auf den Tag genau 50 Jahre später, den ehemaligen Bordmechaniker, Herrn Leuze in Saulgau ausfindig zu machen. Er beantwortete unseren Brief blitzschnell und teilte uns mit, daß die Besatzung mit ihrem Nachtjäger vom Typ Ju 88 in Köln-Butzweilerhof zu einem Einsatz auf einen Bomberverband in Richtung Süddeutschland gestartet sei und bei Frankfurt am Main Feindberührung gehabt und Flaktreffer erhalten habe. Herr Leuze gab an, daß er am Ortsrand von Treysa in einem Wassertümpel gelandet sei. Weil er aufgrund seiner schweren Rückenverletzungen fast unbeweglich war, rief er um Hilfe. Ein Mädchen aus dem ersten am Ortsrand stehenden Hauses hörte seine Hilferufe, und der Vater des Mädchens begab sich an den Tümpel und zog den nun auch noch völlig durchnäßten Flieger aus dem Wasser.

Nach etwa 2 ½ Stunden wurde er in die Klinik nach Marburg gebracht, wo er noch lange zwischen Leben und Tod schwebte.
Nach seiner Genesung fand er sich erst im April 1945 wieder bei seiner jetzt auf dem Einsatzhafen Pocking südsüdwestlich von Passau liegenden Einheit ein, wo er auch mit den anderen beiden ehemaligen Besatzungsmitgliedern wieder zusammentraf.

Am 3. Mai 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft, aus welcher er bereits am 19. Mai, aufgrund seiner Verwundungen entlassen wurde.

Von seinem Flugzeugführer, dem Schlesier Hptm. Berger, hat er nie wieder etwas gehört; Mit Uffz. Anders, damals wohnhaft in Golze an der Mulde, stand er noch einige Jahre in Briefkontakt, welcher aber im „Kalten Krieg” abriß, da Mauer und Stacheldraht beide trennte.


(Hptm Berger am Tag seiner Hochzeit)(Foto: Internet)

Leider sind ihm fast alle Unterlagen und alle Fotos am Ende des Krieges abhanden gekommen, doch konnte mir Herr Leuze noch eine Abschrift eines Tagesbefehls zusenden, welche das tapfere Verhalten der Besatzung in dieser Nacht widerspiegelt.
Wie wir heute, hauptsächlich dank der unermüdlichen Arbeit des leider verstorbenen Helmut Heck aus Niederwalgern wissen, lag der Tümpel in welchem Reinhold Leuze in der Nacht vom 19. auf 20. Oktober 1944 landete, nicht bei Treysa, sondern bei Speckswinkel

Aus dem Tagesbefehl der 3. Jagddivision, unterzeichnet von Major Walter Grabmann, war noch zu entnehmen, daß Uffz. Leuze durch einen Flaksplitter im Rücken linksseitig gelähmt war. Der Bordfunker legte den Schwerverwundeten mit angelegter Schwimmweste und geöffneten Schwimmwestenventil sowie verschränkten Armen so über die Ausstiegsklappe, daß der Luftzug des freien Falls die Hände zur Seite reißen würde und dadurch der Fallschirm sich öffnen müßte. Bei diesen Arbeiten öffnete sich aber unglücklicherweise der Fallschirm des Bordfunkers schon in der Maschine. Doch er hatte Glück, stopfte den Fallschirm mit beiden Händen zusammen und konnte so die Maschine noch sicher verlassen. Am Fallschirm hängend schoß er mit der Leuchtpistole ein mit Hptm. Berger vereinbartes Signal, so daß auch dieser, seine Besatzung in Sicherheit wissend, als letzter die Maschine verlassen konnte.

Die Nachtjagd hatte in dieser Nacht keine großen Erfolge vorzuweisen.

Die Briten verloren von den fast 600 Stuttgart angreifenden Lancaster und Mosquito gerade einmal sechs Maschinen, und von den auf Nürnberg angesetzten 270 Maschinen der gleichen Typen kehrten nur zwei Maschinen nicht zurück.

Die Verluste der Deutschen dagegen in dieser Nacht waren mit mindestens zwölf Nachtjagdmaschinen der Typen Junkers Ju 88 und Messerschmitt Bf 110 verhältnismäßig hoch.



(Abschrift des Tagesbefehls der 3. Jagddivision vom 05.02.45 zum Absturz der Ju 88 bei Wiera und der Rettung der Besatzung.) (Dokument: Reinhold Leuze)

 


 

Absturz eines zweimotorigen deutschen Nachtjägers


 

Ort: Wiera, In der Gemarkung „Silberwäldchen”

Datum: 19. Oktober 1944

Uhrzeit: ca. 22.35 Uhr

Flugzeugtyp: Junkers Ju 88 G-1

Werknummer: 713 635

Kennung: R 4 + E C

Motoren: 2 luftgekühlte vierzehnzylinder Doppelsternmotoren BMW 801 D

Einheit: Stab II. Gruppe/ Nachtjagdgeschwader 2

Startflughafen: Köln - Butzweilerhof

Besatzung:
Flugzeugführer: Hptm. Fritz Berger  * 25.02.1913 in Seebnitz Kreis Lüben       Unverletzt
 
Bordfunker: Uffz. Herbert Anders  * 14.12.1917 in Bad Lausick     Unverletzt   

Bordmechaniker: Uffz. Reinhold Leuze  * 05.11.1923 in Ersingen      Verwundet
 

Absturzursache: Treffer durch eigene Flak


 

 
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