Fliegerschicksale über Lumda, Lahn und Ohm
  Zeitungsartikel
 

Kreis Gießen

03.12.2005

Abgeschossener Pilot kam ins Lazarett nach Laubach

Zeitzeugen berichten über Absturz einer deutschen Jagdmaschine am 2.

Dezember 1944 - Flugzeugführer eines anderen abgestürzten Flugzeugs

aufgespürt

GRÜNBERG (jec). Auf einer Wiese "Im Boden", ziemlich genau zwischen Lumda,

Stangenrod und Atzenhain, wurde vor 61 Jahren, am 2. Dezember 1944, um die

Mittagszeit eine deutsche Jagdmaschine vom Typ Messerschmitt Bf 109 abgeschossen.

Wie der Zeitzeuge Helmut Schäfer (73) aus Atzenhain berichtet, konnte der Pilot damals

schwer verletzt aus der brennenden Maschine geborgen werden. Die "109" war nach

einem Luftkampf über Gießen von einer amerikanischen P-47 Thunderbolt abgeschossen

worden.

Der 2. Dezember 1944 war ein trüber Samstag. Die 8. US Army Air Force bombardierte

unter anderem Eisenbahnanlagen bei Frankfurt. "Ich kann mich an diesen Samstag, auch

nach 61 Jahren, noch recht gut erinnern. Der Rundfunk meldete starke Einflüge von

Bomberverbänden. Wie so oft konnte ich von unserem Haus aus die Formationen der

Verbände mit bloßem Auge erkennen. Kondensstreifen zeigten die Vielzahl der Flugzeuge

an. Wenig später sah ich eines davon mit dröhnendem Motor und einer starken

Rauchfahne über Atzenhain in Richtung Lumda fliegen. Es machte dann vor Lumda eine

Wendung und war dann plötzlich verschwunden", erinnert sich Schäfer. Sofort rennt der

damals 13-Jährige mit einigen anderen zum Absturzort: "Die niedergehende Maschine

kam ziemlich flach runter, ist wohl noch über einen Graben gerutscht und blieb dann am

Rand der Wiese liegen."

Das Flugzeug brannte bereits vom Motor bis hin zur Kanzel. Der Pilot hing, offensichtlich

ohnmächtig, heraus. Beherzt schnitten die Anwesenden ihn los, darunter auch Karl

Häuser, der mit seinem Pferdegespann gerade aus Lumda kam. Auf einem Erntetuch,

gehalten von den Helfern, um jegliche Erschütterung zu vermeiden, wird der schwer

brandverletzte Pilot mit dem Fuhrwerk nach Atzenhain zum Anwesen von Karl Häuser

gebracht und dort unter anderem von Hanni Langer, Wehrmachtshelferin einer in

Atzenhain stationierten Einheit, versorgt.

So erinnert sich die Frau von Karl Häuser, Elisabeth Häuser, an diesen Tag: "Als er bei

Bewusstsein war, sagte er, dass er aus Essen sei und man seine Mutter verständigen

sollte. Ich sehe den Piloten heute noch vor mir, und es läuft mir kalt den Rücken runter,

wenn ich an sein schwarzes Gesicht, seine Verletzungen und seine schlimmen

Verbrennungen denke. Wir haben ihn bei uns in die Stube gelegt. Minna Böcher, deren

Bruder ja auch Jagdflieger war, half auch dabei. Er wurde die ganze Nacht so gut wie nur

möglich versorgt und am nächsten Tag nach Laubach ins Lazarett gebracht." Von

Laubach aus wurde der Luftwaffenangehörige in die Klinik nach Gießen verlegt.

Nachforschungen haben ergeben, dass er dort am 11. Dezember wohl seinen

Verletzungen erlegen ist.

An diesem Tag gab es in Gießen einen schweren Tagangriff von 353 US-Bombern. Dabei

wurde auch das Klinikviertel erneut schwer getroffen.

Leutnant Willeke Es handelte sich bei dem Piloten um Leutnant Karl-Heinz Willeke. Horst

Jeckel (Rabenau) gelang es, die heute 88-jährige Schwester des Piloten ausfindig zu

machen. Sie schildert ihren Bruder als fröhlichen jungen Menschen: "Karl-Heinz hat sein

Abitur am Essener Goethe-Gymnasium abgelegt und wollte eigentlich Jura studieren.

Dann wurde er aber eingezogen. Die Fliegerei hatte es ihm angetan, außerdem fand er

die damaligen Uniformen so schick."

Als die Mutter damals über den Absturz informiert wurde, fuhr sie sofort mit dem Zug

nach Gießen. Dies nahm damals aber einige Zeit in Anspruch, und so kam sie zu spät.

Sie sah ihren Sohn nur noch im Sarg. Der Leutnant galt zunächst im Raum Iserlohn-

Lüdenscheid als vermisst. In der Verlustliste seiner Einheit wurde aber von Hand

nachgetragen: "Lt. Willeke ist nach Luftkampf mit dem Fallschirm bei Stangenrod, 20 km

SO Gießen abgesprungen und seinen Verletzungen im Lazarett erlegen." Diese

Eintragung konnten die Zeitzeugen berichtigen.

Willekes Schwester schickte Horst Jeckel Fotos aus dem Album ihres Bruders. Auf einer

der Rückseiten steht "60. Feindflug Dezember 1943". Ein Foto zeigt den Leutnant in einer

Focke Wulf 189 "Uhu". Leutnant Willekes Jagdgeschwader hatte Ende November 1944

nagelneue Maschinen des Musters Me 109 K4 bekommen. Willeke war erst ein paar Tage

Staffelführer der 11./JG 3 "Udet". Bei seinen Nachforschungen stieß Horst Jeckel auf

einen weiteren Piloten, der auch am 2. Dezember abgeschossen wurde: Oskar Stock.

Heute ist er 82 Jahre alt. Er stammt aus Wallau bei Biedenkopf, studierte in Gießen,

wurde Ingenieur, arbeitete lange in Dortmund und wohnt nun wieder mit seiner Frau in

Wallau.

Als 18-Jähriger wurde er eingezogen. Da er Hobby-Segelflieger war, kam er zur

Luftwaffe. Die Fliegerausbildung absolvierte er in Magdeburg und weiteren

Flugzeugführerschulen. Am 2. Dezember 1944 saß er mit einigen Kameraden des

Jagdgeschwaders 3 in einer Hütte am Flugplatz Paderborn. Plötzlich Alarmstart. 27 Me

109 und 33 Focke-Wulf 190 Maschinen sollen amerikanische Angriffe auf Bingen, Koblenz

und Frankfurt abwehren. Über dem Landkreis Marburg-Biedenkopf spürt Oskar Stock

einen heftigen Ruck. Er und seine Kameraden wurden von einem höher fliegenden

Verband von amerikanischen P 47 Thunderbolts der 63. Fighter Squadron/56. Fighter

Group überraschend angegriffen. "Ich habe überhaupt nichts gesehen, alles ging sehr

schnell", so Stock. Er steigt in großer Höhe mit dem Fallschirm aus. Seine Maschine

schlägt nicht weit von Oberweimar neben der Reichstraße 255 auf.

Hier liegt bereits eine weitere Me 109. An dieser Maschine hängt die Leiche des

Flugzeugführers. Der Fallschirm des Feldwebels war beim Aussteigen offensichtlich am

Leitwerk hängen geblieben.

Eine offizielle Meldung an das Luftgaukommando VI Münster besagt: "Pilot Oskar Stock,

verwundet durch Streifschuss an Schulter und Arm, aufgenommen in der Chirurgischen

Klinik in Marburg. Da die Maschine Blutspuren zeigt, steht einwandfrei fest, das der Gefr.

Oskar Stock erst nach seiner Verwundung absprang." Innerhalb von nur zehn Minuten

stürzten an diesem Tag gegen Mittag 16 Maschinen des Jagdgeschwaders 3 ab, neun

davon im heutigen Kreis Marburg-Biedenkopf, eine zwischen Lumda und Atzenhain, aber

auch je eine Maschine bei Lich (Unteroffizier Christoph Böttner, gefallen), bei

Münzenberg (Gefreiter Fritz Reth, gefallen) und bei Laubach (Feldwebel Willi Stoll,

gefallen).

Oskar Stock, dessen Fallschirm sich nach dem Ausstieg in rund 10 000 Metern Höhe erst

etwa 400 Meter vor der Landung geöffnet hatte, wurde von zwei französischen

Kriegsgefangenen, die ihn fanden, auf das Hofgut Germershausen bei Oberweimar

gebracht.

Dort befand sich damals die ausgelagerte Kinderklinik von Marburg. Deren Ärzte leisteten

erste Hilfe an der durchschossenen Schulter und einem Streifschuss am Arm. Nach einem

weiteren Klinikaufenthalt in der Chirurgie und im Lazarett in Biedenkopf geriet er am 20.

April 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Am 11. Juni, zum Geburtstag seiner Mutter,

kam er wieder nach Hause.

Leutnant Karl-Heinz Willeke fand seine letzte Ruhe auf dem Essener Parkfriedhof. Über

60 Jahre später findet man am Ort des Absturzes immer noch kleinere Wrackteile seines

Flugzeugesm, direkt unter der Grasnarbe von hellgrünem Magnesiumpulver verfärbte

Erdstellen sowie Reste verbrannter Alu-Bleche. Auch das Variometer wurde gefunden.

Nur noch wenige Einwohner der umliegenden Ortschaften wissen, dass über 60 Jahre

zuvor hier ein junger Soldat sein Leben gelassen hat, am Ende eines sinnlosen Krieges.

Die Erinnerung daran wach zu halten, ist für Horst Jeckel ein wichtiger Beitrag für den

Frieden.





Gießener Allgemeine am 10. April 2010

Buseck/Rabenau (bf).  
  
Sie zählen zu den ersten Adressen im Gießener Land, wenn es um das Zuordnen von Fundstücken aus dem Zweiten Weltkrieg geht. 24 Stunden rund um die Uhr bleiben Horst Jeckel und Gerd Schönhals aus der Rabenau sowie Dirk Sohl aus Ebsdorf hellhörig – es könnte sich ja jemand melden und etwas zu berichten haben. So wie am vergangenen Wochenende, konkret: Ostermontag. Telefonanruf aus Buseck. Tage zuvor hatte der Beuerner Landwirt Erwin Schließner bei der Feldarbeit auf einem Acker an der Hohen Straße Überreste eines Flugzeuges ans Tageslicht befördert, ein Propeller-Teilstück jener Messerschmitt BF 110, die im Februar 1944 über Beuern abgeschossen worden war.  
  
Wie Jeckel gegenüber dieser Zeitung sagte, liegt der mit dem Abschussort identische Fundort zwischen Beuern und dem Reiskirchener Ortsteil Bersrod. Die Geschichte sei in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten – und mit Schließner Tagwerk wieder ins Bewusstsein gerückt.  
»Wie sich bei den anschließenden Nachforschungen herausstellte, hatte der Flugzeugführer zwar den Absturz überlebt. Er war aber noch am 7. Mai 1945, einen Tag vor dem Kriegsende, erschossen worden.«  
  
Ortstermin am Donnerstag auf dem frisch eingesäten Acker. Die Metallstücke, die Walter Ranft und Erwin Schließner in Händen halten, sind verformt. Ein Stück Gummischlauch mit Verschraubung ist mit Erde überzogen. Kleine Plexiglasteile, geschmolzene Metallklumpen, Verstrebungen – immer mehr Fundstücke gibt die Erde nach 66 Jahren wieder frei. Nach Auffassung der Kenner Überreste einer Messerschmitt die in den Tagen des Zweiten Weltkrieges am Himmel über Beuern abgeschossen worden war.  
  
Walter Ranft, damals 15, hatte den Absturz damals gesehen. Der 75-jährige Schließner war dann mit dem Teil zu ihm gegangen, das sich in der Kreiselegge verfangen hatte. Ranft seinerseits schaltete die ihm bekannten Fachleute für Flugzeugabstürze im heimischen Raum ein. Zusammen mit Dirk Sohl, Horst Jeckel und Gerd Schönhals trafen sich die Beuerner an der Fundstelle.  
  
Was Ranft und andere am 24. Februar 1944 gesehen hatten, war – laut Jeckel – der Abschuss einer deutschen Messerschmitt BF 110 G-2 der 9. Staffel des Zerstörergeschwaders 26. »Diese Maschine, während des Kriegs gut 6000-mal gebaut, war wohl die von Leutnant Hermann Gern.« Der sei Jahrgang 1916 und aus Ebingen Albstadt gewesen und - wie angemerkt – im Mai 1945 in Leck erschossen worden.  
  
Walter Ranft ist der interessierten Öffentlichkeit auch bekannt, weil er 2005 ein Buch veröffentlicht hat: »Der Post-Walter – Erlebnisse eines Jungen in schlimmer Zeit«. Darin aufgezeichnet sind die Erlebnisse aus den Jahren 1943 bis 1946 – und darunter auch den Flugzeugabsturz.  
  
Es war im Frühjahr 1944. An schattigen Stellen im Feld und an den Berghängen von Beuern lag noch der »Schnee von gestern«. Der Winter hatte die wenigen Kohlen, die an unsere Volksschule geliefert werden konnten, längst aufgebraucht. Wir Schulkinder hatten schon wochenlang »Kohleferien«. (…) Es herrschte trockene Kälte bei blauem Himmel und Sonnenschein. An diesem Tag saß ich beim Schuster Gustav Keil in der Schusterbude. Ich war gerade 15 geworden und durfte mithelfen, alte Schuhe zu reparieren. Da es zu dieser Zeit kaum neue Schuhe zu kaufen gab, hatte sich beim Schuhmacher eine große Menge von diesen reparaturbedürftigen alten Klamotten angesammelt.  
Da hörte ich ein gleichmäßiges Brummen. Im Grunde bedeutete das Fliegeralarm, der aber in den Dörfern schon nicht mehr immer gegeben wurde. Der sehr tiefe Brummton ließ jeden wissen, dass es sich um den Überflug eines feindlichen Bomberverbandes mit mehreren hundert Viermotorigen handelte.  
  
Ich lief auf die Straße und stand an der Ecke des alten Friedhofgäßchens. Unzählige Bomber zogen in sehr großer Höhe in südöstlicher Richtung über Beuern hinweg. Der Großverband hatte kein Interesse an einem kleinen Dorf, (…) hatte wohl den Auftrag, Tod und Verderben über eine deutsche Großstadt zu bringen. (…) Dann vermischte sich das eintönige Brummen mit dem Fluglärm einer einzelnen, niedriger fliegenden Maschine. Es war eine deutsche Messerschmitt BF 110, die im Begriff war, den Bomberpulk von unten anzugreifen. Die Chancen, die der Angreifer hatte, waren gleich null. Bevor er zum Schuss kam, hatten viele Bordschützen der über ihm fliegenden Festungen das Feuer eröffnet.  
  
Der deutsche Zerstörer wurde sofort voll getroffen. Ein Punkt löste sich von demselben, der dann am geöffneten Fallschirm nach unten schwebte. Aus dem deutschen Flugzeug kam ein Feuerstrahl mit einer Explosion, und die Maschine löste sich schon in der Luft auf. Das markante Leitwerk kam einzeln herunter und landete genau quer über dem Lorsbachweg in Richtung Bersrod. Der Rest des Kampfflugzeuges stürzte schräg ab und bohrte sich über dem Steinberg »An der hohen Straße« in der Nähe des Waldes mit gleichzeitiger Explosion in einen Acker. Die Entfernung zum Dorf betrug knapp zwei Kilometer.  
  
Ich hörte den Aufschlag des Flugzeuges mit einer weiteren Explosion als dumpfen Knall. (…) Es waren schon einige Leute wie der Bauer Keil da. Weil das Wrack noch brannte und immer wieder Munition explodierte, sperrte man das Gelände zuerst einmal weiträumig ab. Schon am nächsten Tag, nachdem die brennenden Flugzeugteile erkaltet waren, wurden sie von einem Räumkommando eingesammelt und abgeholt. Beim Aufprall des Flugzeuges war die Maschinengewehr- und Bordkanonenmunition teils sehr entfernt von der Absturzstelle weggeflogen und lag weit verstreut im Feld.  
  
Man darf heute nicht mehr daran denken. Um diese scharfe Munition kümmerte sich niemand außer uns Buben, indem wir sie in großer Menge einsammelten und teils unter einer Werkbank in der Metzengässer Schmiede versteckten. Der Schmiedemeister war im Krieg, aber der Sohn und wir Kollegen trieben in der Schmiede ein äußerst gefährliches Handwerk. (…)  
  
An diesem 24. Februar 1944 habe bei Flensungen hinter Grünberg eine der »fliegenden Festungen« notlanden müssen, eine Boeing B 17, berichtet Jeckel. Von der Besatzung hätten acht der zehn Männer überlebt. »Und bei Hungen wurde einer dieser viermotorigen Bomber abgeschossen. Dieser Abschuss wird Leutnant Hermann Gern zugerechnet.« Gern und dessen Bordschütze, über den bisher nichts in Erfahrung zu bringen gewesen sei, seien anschließend über Beuern selbst abgeschossen worden.  
  
Walter Ranft: »Ich sah noch, wie die übermächtigen Amerikaner mit Leuchtspurgeschossen den am Fallschirm hängenden wehrlosen deutschen Flugzeugführer aufs Korn nahmen. Er trieb durch die Windrichtung nach Westen ab und landete verwundet auf dem großen Acker von ›Esau‹ zwischen Beuern und Großen-Buseck. Der bedauernswerte Flieger kam in ein Lazarett nach Gießen. Aus diesem Lazarett nahmen die Beuerner damals immer wieder fast geheilte Verwundete auf, um sie einen Tag lang gut zu verköstigen.«  
  
Gern war, wie Jeckel und seine Mitstreiter herausgefunden haben, im Verlauf des Kriegs zum Jagdflieger umgeschult worden. »Anfang Mai 1945 lagen die Reste des Jagdgeschwaders 11 beim Fliegerhorst in Leck / Schleswig-Holstein.« Am Abend des 3. Mai 1945 habe Hermann Gern zusammen mit einem Feldwebel wohl den Entschluss gefasst, mit einem der zahlreich umherstehenden Flugzeuge nach Süddeutschland zu fliegen – in die Heimat. So zu lesen in der Chronik des Jagdgeschwaders (1 + 11, Teil 3, Jochen Prien / Peter Rodeike, ISBN 3-923457-251, Struve-Druck, Eutin, Seiten 1565 ff.).  
  
Dieses Vorhaben sei den Männern als Fahnenflucht ausgelegt worden. »Noch an der startbereiten Maschine erfolgte die Verhaftung. Am Abend des 4. Mai 1945 kamen sie vor ein Kriegsgericht und wurden zum Tode verurteilt.« Am Morgen des 7. Mai habe man Hermann Gern – der Feldwebel sei begnadigt worden – im Beisein eines evangelischen Pastors zum Schiesstand des Fliegerhorstes gebracht. Hermann Gerns Grab befindet sich in Leck.  
  
Die Fundstücke vom Acker »An der hohen Straße« könnten, geht es nach dem Willen von Erwin Schließner und Walter Ranft, einen Platz beim Beuerner Heimatverein finden um an den Absturz, an das Schicksal von Herman Gern und die Unmenschlichkeit des Krieges zu erinnern.  


(Wetterauer-Zeitung vom 25. Mai 2008):

Rückkehr -63 Jahre nach dem Absturz

Gießen/Lollar (bf).
 »Ich weiß nicht mehr wie. Aber irgendwie kam ich da noch raus!« So beschreibt der Australier Francis Shamus Cahir seinen Fallschirmabsprung aus einem brennenden Bombenflugzeug vom Typ »Handley Page Halifax« - am 20. Dezember 1943 »irgendwo zwischen Gießen und Marburg«, nach einem Einsatz über Frankfurt am Main.  

Heute ist Jim, wie er von Freunden genannt wird, 84. Und er ist dorthin zurückgekehrt, wo er als 20-Jähriger fast sein Leben eingebüßt hätte.

Dem Mann aus Melbourne im Staate Victoria und dessen zweiter Frau Glenne zur Seite stehen Dirk Sohl aus dem Ebsdorfer Grund und der Rabenauer Horst Jeckel. Auf dem Programm zu finden: das Rheintal und Hannover, Frankfurt und Gießen - aber auch Lollar und Beltershausen.

 Gestern empfing Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek den ehemaligen Flieger in der Buderus-Stadt. Denn quasi von dort aus hatte Cahir eine 17 Monate währende Gefangenschaft im Luftwaffen-Stalag IV B in Mühlberg an der Elbe antreten müssen. Auch die Absturzstelle des Bombers bei Beltershausen im Ebsdorfer Grund wurde besichtigt. Schließlich traf Cahir den 84-jährigen Gottfried Wolff aus Langgöns, der Weihnachten 1943 am Gießener Fliegerhorst Wache gestanden und dabei abgesprungene feindliche Flieger in Empfang genommen hatte.

Am 20. Dezember 1943 zwischen 19.20 und 20.30 Uhr greift das Bomber-Kommando der Englischen Luftwaffe unter anderem Frankfurt und Offenbach an - mit 650 Maschinen der Typen Lancaster, Halifax und Mosquito. In Frankfurt werden die Altstadt und die Industriegebiete Fechenheim und Sachsenhausen besonders schwer getroffen. Als sich die Rauchwolken verzogen haben, sind 175 Tote zu beklagen und gut 23 000 Menschen obdachlos. Südlich von Frankfurt wird ein Personenzug getroffen: 13 Tote. Auch auf Mainz fallen vereinzelte Bomben: weitere 14 Tote.

Von den 650 britischen Maschinen kehren 41 nicht zu ihren Heimatflugplätzen zurück. 192 Besatzungsmitglieder sterben, 92 weitere geraten in Gefangenschaft, darunter Jim Cahir.

Über Offenbach trifft die Flak-Abteilung 255 eine bei der Firma Handley Page in Cricklewood / England hergestellte Halifax B.III der 466. australischen Squadron. Vermutlich aufgrund von Schäden an der Steuerung dreht die Maschine nach Norden ab. Wenig später erfasst ein deutscher Nachtjäger die angeschlagene Maschine, schießt sie in Brand. Der Pilot des viermotorigen Bombers weiß, dass er Leconfield in Yorkshire, wo er um 16.48 Uhr abgehoben hatte, nicht mehr erreichen würde.
Der 21 Jahre alte Flight Sergeant (Oberfeldwebel) Patrick John Edwards aus Lambton in New South Wales in Australien gibt seiner sechsköpfigen Besatzung den Befehl zum Absprung mit dem Fallschirm. Er selbst hält die Maschine noch so lang im Geradeausflug, bis die Kameraden den lichterloh brennenden Flieger verlassen haben. Auf Kosten seines Lebens: Vor dem Aufschlag bei Beltershausen bleibt ihm keine Zeit mehr zum Absprung.

Zeitzeugen erinnerten sich später, dass die aus südlicher Richtung über Gießen her kommende Maschine erst in Richtung Frauenberg geflogen sei, dort die Richtung geändert habe. Wie eine fliegende Fackel habe das vom Boden aus ausgesehen.

Auf Jim Cahir, den Australier mit irischen Vorfahren, war zunächst niemand aufmerksam geworden, als er in der Dunkelheit niederging. » Alles war außer Kontrolle geraten«, erinnert sich der damalige Mittelturmschütze an seinen dritten Einsatz. »Nach der Landung versteckte ich gleich den Fallschirm und lief los. Nur weg von der Absturzstelle. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, irgendwo im Feindesland.« Zwei Tage später sei er - heute weiß er's - bei Lollar von Hunden entdeckt worden. Erschöpft von den nächtlichen Märschen hatte er sich in einer Feldscheune ausruhen wollen.

Von der örtlichen Polizeistation hatte man Cahir zum Fliegerhorst nach Gießen gebracht, wo der 20-jährige Gottfried Wolff Wache schob, ein gebürtiger Dresdner. »Kurz vor Weihnachten führte man uns einige abgesprungene Engländer zu. Die musste ich durchsuchen und in die Zellen bringen. Einer hatte noch so einen kleinen Kompass als Knopf versteckt. Die haben nur ihren Namen gesagt damals. Sonst kein einziges Wort. Ich kann mich daran so gut erinnern, weil ein paar Tage später, am ersten Feiertag, über dem Fliegerhorst zwei Segelflugzeuge zusammengestoßen waren.« Alle drei Insassen seien ums Leben gekommen.

 »Die Wrackteile lagen da, wo der O-Bus immer wendete und wo später der amerikanische Offiziersclub war. Dass unter den Fallschirmspringern Australier waren, habe ich damals nicht gewusst. Und dass ich einen von ihnen noch einmal wiedersehen würde, hätte ich nie geglaubt. Wir beide sind ja gleich alt. Er wird im Juli 85 und ich im September.« Sie hätten sich beide gut gehalten und damals im Krieg viel Glück gehabt, meint der heutige Langgönser, der im Januar 1945 Emmy Seibert aus Wieseck geheiratet hatte und hiergeblieben war.
Für Beltershausen hätte der Absturz weit schlimmere Folgen haben können. Die Maschine mit der Werknummer HX 273 und der Kennung H D (Kokarde) W, ausgerüstet mit vier luftgekühlten Hercules-XVI-Sternmotoren, war noch in der Luft explodiert und dann am Boden zum Großteil ausgebrannt. Weitere Detonationen stammten aber nicht von der Bombenladung, sondern von der Bordwaffenmunition und den Sauerstoffflaschen.

Die Bomben - eine Sprengbombe (2000 lb. / Pound), 14 Phosphorbrandbomben (30 lb.) und 720 Stabbrandbomben (4 lb. / 1 engl. lb. = rund 453 Gramm) - waren zuvor über dem Rhein-Main-Gebiet abgeworfen worden.

Eine bereits in der Luft abgebrochene Tragfläche hatte man am Ortsausgang Richtung Heskem auf einer Weide gefunden, zwei Motoren und ein Fahrwerkbein 300 Meter weiter hinter dem sogenannten Bransenberg. Der Rumpf mit dem getöteten Piloten hatte in der Gemarkung »Gerloch« gelegen.

In Beltershausen hatte die 50-jährige Margarethe S., offensichtlich vor lauter Aufregung, einen Schlaganfall erlitten, an dessen Folgen sie wenige Wochen später starb.

Der Pilot war zunächst auf dem Friedhof in Beltershausen beigesetzt, dann aber 1947 von einer britischen Gräberkommission exhumiert und überführt worden. Seine letzte Ruhe fand Patrick John Edwards auf dem britischen Friedhof in Hannover-Ahlem.
Dieser Tage war Jim Cahir dort, gedachte seines Kameraden.

Mittlerweile ist auch der Flugzeugführer des deutschen Nachtjägers ausfindig gemacht worden, der - höchstwahrscheinlich - den Bomber abgeschossen hatte: Heinz Rökker, damals Oberleutnant in der I. Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 2. Der mit einem Bordfunker, Feldwebel Bertram Kirschnek, und dem Bordschützen, Unteroffizier Georg Frieben, in Kassel-Rothwesten gestartete Rökker hatte für 19.47 Uhr den Abschuss einer Halifax in 2000 Metern Höhe nördlich von Frankfurt gemeldet.

Der heute 88-Jährige: »Bei den ersten zwei Angriffen habe ich durch Feuerstöße den Heckstand in Brand gesetzt und nach weiteren Angriffen noch den linken Motor in Brand geschossen. Absturz und Schein des Aufschlages sowie einen Fallschirmabsprung habe ich noch beobachtet.« Einer der Überlebenden aus dieser Maschine, ein Mann namens Bruce Loane, habe ihn 1994 einmal besucht. »Wir haben uns gut verstanden.«
Via Internet war Cahir im Dezember 2003 ein Bericht von Dr. Helmut Krause in der Zeitung »Der Grund« zugetragen worden, woraufhin er seine Geschichte darlegte - von der Gefangennahme im Raum Gießen, über das Verhör in Oberursel und das Lager in Mühlberg an der Elbe bis zur Befreiung durch die Rote Armee im April 1945.

 Im Oktober 2004 waren dann tatsächlich Australier nach Oberhessen gekommen - nur Jim Cahir nicht, weil da die Gesundheit angeschlagen war. Immerhin: Tochter Penny und deren Ehemann Ray McCann waren dabei, trafen unter anderem Krause, Heinrich Opper als Zeitzeugen sowie Dirk Sohl und Hajo Bewernick vom »Grund«.

Nun aber klappte es mit dem Besuch des Fliegers. »Ich wollte immer zurückkommen, um zu sehen, wo ich gewesen bin.« Der Bürgermeister zollte dem Gast seinen Respekt: »Eine beeindruckende Geste der gelebten Völkerverständigung. Ich hoffe, dass Sie Lollar in angenehmer Erinnerung behalten.«

Mit Hörfunk-Journalistin Constanze Schleenbecker von HR 4, die selbst schon mal für drei Monate in Melbourne war, entwickelte sich nach den Aufnahmen, die am heutigen Samstagvormittag gesendet werden sollen, eine angeregte Unterhaltung.

 Beim Ortstermin im Ebsdorfer Grund, an der Todesstelle von Patrick Edwards, erzählte Cahir, dass er seinen Erstgeborenen, den älteren Bruder von Penny, nach dem gefallenen Piloten benannt habe. »Ohne ihn hätten wir nicht überlebt.« Außer dem gefallenen Piloten waren alle Besatzungsmitglieder nach Ende des Krieges unversehrt in ihre Heimat zurückgekehrt.

Jim Cahir: »Damals kamen mir die 17 Monate Gefangenschaft wie 17 Jahre vor. Nachrichten erhielten wir im Lager nur über einen versteckten Sender. Seit der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 hatten wir auf eine zügige Befreiung gehofft.«

 1949 hatte Cahir er seine Jugendliebe Valda (+ 2003) geheiratet. Zur Familie zählen zehn Kinder und bis jetzt 38 Enkelkinder.
Am morgigen Sonntag fliegt der Australier wieder zurück.

 


 




 

 
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