Fliegerschicksale über Lumda, Lahn und Ohm
  22. April 1944
 
 Dilschhausen, Samstag, 22. April 1944
 

Ein noch weitgehend unaufgeklärter Fall ist der Absturz eines deutschen Jagdflugzeugs am 22. April 1944 im Wald am Auersberg bei Dilschhausen.
Erstmals aufmerksam wurden wir darauf durch einen Bericht von Herbert Kosok aus Niederweimar, der im Mitteilungsblatt für die Gemeinde Weimar am 24. November 1994 erschienen war.
Herr Kosok schrieb:
 „1944, April 23.

In der Gemarkung Nesselbrunn wurden Teile der Führerkanzel eines bei Dilschhausen abgestürzten deutschen Jagdflugzeugs, dessen Pilot mit dem Fallschirm abgesprungen war, aufgefunden.”
 

Helmut Heck (+) aus Niederwalgern kannte die Absturzstelle und zeigte sie uns. Auch erwähnte er, daß er schon in den ersten Nachkriegsjahren Metallschrott von der Absturzstelle mitgenommen habe, um diesen bei einem Altmetallhändler zu Geld zu machen.
Wir schauten uns die Absturzstelle etwas genauer an und fanden deutsche 20 mm Munition, die von einem Maschinengewehr MG 151/20 stammte, was den Absturz eines deutschen Flugzeuges eindeutig bewies. Einige weitere aufgefundene Kleinteile zeigten uns sofort, daß wir es mit einer mit einem flüssigkeitsgekühlten Daimler Benz DM 605-Motor ausgestatteten Messerschmitt Bf 109 zu tun hatten.

Im Hessischen Staatsarchiv in Marburg fanden wir dann auch noch ein paar Aktennotizen, die diesen Absturz beinhalteten. Der Luftschutzbeauftragte des Landkreis Marburg meldete am 24.04.1944 unter anderem an das zuständige Luftgaukommando VI in Münster in Westfalen:

Am 22.04.44 etwa 19.00 Uhr stürzte zwischen Eln- und Dilschhausen 6 km südlich Marburg ein deutscher Jäger ab. Der Pilot sprang mit Fallschirm ab.”
 
Der Bürgermeister von Nesselbrunn meldete bereits am 23. April 1944 an den Landrat in Marburg:

„In hiesiger Gemarkung wurden am 22. April abends Gegenstände gefunden, die vermutlich von dem abgestürzten Flugzeug, welches in der Gemarkung Dilschhausen niederging, herrühren. Es handelt sich scheinbar um einen Benzinbehälter, der beim Aufschlag auf den Boden verbeult und teilweise beschädigt wurde. Ferner wurden Teile der Führerkanzel vom Flugzeug gefunden, welche ebenfalls beschädigt sind. Die gefundenen Teile wurden von mir dann sofort sichergestellt
.”

(Ein 300 Liter Kraftstoffzusatzbehälter, wie er wohl in der Gemarkung Nesselbrunn gefunden wurde. Im Museum der „Initiative Fliegerschicksale in Hessen” befinden sich noch zwei dieser Behälter.) (Foto: Dirk Sohl)


Ebenfalls am 23. April 1944 machte der Gendarmeriemeister von Elnhausen folgende Meldung an den Landrat:

„Bei den in der Gemarkung Nesselbrunn aufgefundenen Flugzeugteilen handelt es sich nicht wie angegeben um einen Benzintank, sondern um Teile von der Führerkanzel.

Die Stücke sind vom Bürgermeister gesammelt und werden sicher aufbewahrt.”

Laut einer weiteren Meldung des Landrates an das Luftgaukommando VI wurden die bei Nesselbrunn aufgefundenen Teile zusammen mit den Überresten des Flugzeuges bei Dilschhausen abtransportiert.

Nur von dem Benzinbehälter, einem in der Regel 300 Liter fassenden Zusatztank, welcher unter dem Rumpf der einmotorigen Maschine angehängt war und abgeworfen werden konnte, wird nach der ersten Meldung nicht mehr berichtet.
Sollte der Flugzeugführer schon nach kurzer Flugzeit auf gegnerische Maschinen getroffen sein, hätte er den Behälter sicherlich sofort abgeworfen, um seine Maschine besser manövrieren zu können und schneller zu sein. Dann wären in dem Tank höchstwahrscheinlich noch einige Liter des wertvollen Kraftstoffs gewesen, von welchen man in diesen Zeiten, sicherlich nicht nur in Nesselbrunn, einen Nutzen hätte haben können.

Was war aber an diesem Tag in der Luft geschehen?
Die Verbände der 8. USAAF flogen einen recht späten Einsatz, um Verkehrsziele im Westen des Deutschen Reiches, vor allem aber den Verschiebebahnhof in Hamm in Westfalen, zu bombardieren.
803 Bomber, begleitet von 859 Jagdflugzeugen gingen in England an den Start. Der deutsche Abwehreinsatz dagegen blieb verhältnismäßig gering.

Gegen die Amerikaner flogen unter anderen die I., II. und III. Gruppe des Jagdgeschwader 1, wobei gerade die mit der Messerschmitt Bf 109 G ausgestattete III./JG 1 schwere Verluste, hauptsächlich in unserem nördlichen Nachbarkreis, hinnehmen mußte.
Im den Gegenden Gemünden, Korbach, Fritzlar und im Raum Edersee mußten etwa ein Dutzend Messerschmitts nach Luftkämpfen als Totalschaden abgeschrieben werden. Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei der bei Dilschhausen abgestürzten Maschine um ein Flugzeug dieser Einheit handelt.

Aber auch Teile der IV./JG 3 „Udet” trafen in unserem Raum auf die amerikanischen Begleitjäger, so stürzte z.B. Lt. Hans Weik von der 10. Staffel dieses Geschwaders bei Hatzfeld ab, und „Nahe Flugplatz Gießen” sprang Oberfeldwebel Karl Mentnich von der 4./JG 27 nach Luftkampf aus seiner Bf 109 ab. Man sollte auch diese Einheiten nicht ganz ausschließen, um vielleicht noch irgendwann einmal den Flugzeugführer dieser bei Dilschhausen abgestürzten Maschine ausfindig zu machen.
Vielleicht gibt es aber auch noch eine andere Möglichkeit, wie das nächste Kapitel über eine Notlandung bei Kirchhain zeigt.

Absturz eines einmotorigen deutschen Jagdflugzeugs


Ort:                                          Dilschhausen, Am Auersberg

Datum:                                    22. April 1944

Uhrzeit:                                   ca. 19.00 Uhr

Flugzeugtyp:                            Messerschmitt Bf 109 G

Werknummer:

Kennung:

Motor:                                     1 flüssigkeitsgekühlter Zwölfzylinder 
                                               hängender V-Motor Daimler Benz DB 605

Einheit:

Startflughafen:

Flugzeugführer:

Erkennungsmarke:

Geburtsdatum:

Geburtsort:

Verbleib:                                   Unverletzt bei Fallschirmabsprung

Absturzursache:




Kirchhain, Samstag, 22. April 1944


An diesem Tag mußte in unserem Landkreis noch ein weiteres deutsches Flugzeug zu Boden.
Dieser Fall konnte recht genau aufgeklärt werden, da der Sachverhalt vom damaligen Meister der Gendarmerie Reith aus Kirchhain in einem Bericht an den Landrat ausführlich wiedergegeben wurde.

Hier eine Abschrift:

"Kirchhain, der 23.4.44

Bericht

betr. einer Flugzeuglandung.

Am 22.4.44 gegen 19.30 Uhr, während eines Fliegeralarms landete auf der Weidekoppel des hiesigen Bauern Ferdinand Reitz in der Nähe der hiesigen Badeanstalt ein deutsches Militärflugzeug B.F. 109 G-6 w 3 (Jäger).

Führer des Flugzeugs Leutnant Schmiedel L. 30749 Lager Frankfurt (Main) Fliegerhorst Eschborn bei Frankfurt a. M.

Es handelt sich um eine Bauchlandung infolge Rammens durch ein zweites deutsches Militärflugzeug. Das bezeichnete Flugzeug war an der linken Tragfläche beschädigt.

Nach erfolgter Landung wurde die Landestelle durch Posten der Feuerwehr abgesperrt und die Bewachung des Flugzeugs bis zur Abschleppung desselben übernommen.

Reith , Mstr. d. Schutzpolizei "

Dieser Bericht gibt uns schon ziemlich viele Informationen.
Wie wissen jetzt, daß der Flugzeugführer, Lt. Schmiedel, unverletzt blieb, daß er in Eschborn bei Frankfurt stationiert war und daß er eine Messerschmitt Bf 109 G-6 mit der Kennung „Weiße 3” geflogen hat.


 (Lt. Harti Schmiedel (links) vor einer von ihm in Nordafrika geflogenen Messerschmitt Bf 109. Auch hier hatte seine Maschine die Kennung „Weiße 3”.) (Foto: Margot Schmiedel)

Unsere weiteren Nachforschungen ergaben, daß zum Zeitpunkt dieser Bauchlandung die II. Gruppe des Jagdgeschwaders 53 „Pik-As” mit der 4., 5. und 6. Staffel in Eschborn bei Frankfurt lag.

Die 4. Staffel hatte weiße Kennungen, die 5. Staffel schwarze Kennungen und die 6. Staffel gelbe Kennungen.
Die „Weiße 3” müßte also zur 4. Staffel des JG 53 „Pik-As” gehört haben.

Und die weiteren Überprüfungen ergaben dann auch, daß in dieser Staffel der am 11. Dezember 1922 in Neudorf/Erzgebirge geborene Leutnant Harti Schmiedel flog.
Die Bauchlandung mußte er durchführen, da er in der Luft von einer anderen deutschen Maschine gerammt worden sei. Ob die andere Maschine auch zu Boden mußte, kann leider nicht festgestellt werden, aber vielleicht war es ja die bei Dilschhausen abgestürzte Messerschmitt Bf 109, die in der Luft mit Lt. Schmiedels Maschine zusammenstieß.
Leutnant Schmiedel kehrte zu seiner Einheit zurück und flog weitere Einsätze.

Zu seinem letzten Flug startete er am 12. Juni 1944. An diesem Tag verlor sich seine Spur zunächst in der Bretagne. Er galt seit diesem Tag als vermißt.

An diesem kampferfüllten Junitag flog er ebenfalls eine Messerschmitt Bf 109 G-6, aber mit der Kennung „Weiße 8”.  Er wurde zuletzt im Luftkampf mit amerikanischen P-51 „Mustang” und B-24 „Liberator” im Raum Rennes gesehen.

Während seiner Einsatztätigkeit beim Jagdgeschwader 53 errang er zwei Luftsiege. Am 04.03.44 bezwang er eine B-17 „Flying Fortress” und am 08.06.44 eine B-24 „Liberator”.

Sein Schicksal blieb 60 Jahre ungeklärt, bis eine französische Fliegervereinigung im Jahre 2004 in einem Acker bei Le Rheu, in der Nähe von Rennes, in sieben Metern Tiefe seine Maschine entdeckte und diese mitsamt den sterblichen Überresten des Flugzeugführers bergen konnte.
Das Schicksal, daß ihn am 22.04.1944 über Kirchhain noch gnädig war, riß ihn nur 8 Wochen später aus der Blüte seines Lebens.

Dank der französischen Initiative aber konnte seine damalige Verlobte noch 60 Jahre nach seinem Tod von ihm Abschied nehmen.
Harti Schmiedel ruht heute auf der Kriegsgräberstätte Mont-de-Huisnes in Gruft 10, in Grab 25.

Im Januar 2006 gelang mir die Kontaktaufnahme mit Frau Margot Schmiedel, der ehemaligen Verlobten des Lt. Harti Schmiedel. Sie war sehr hilfsbereit und stellte mir auch die beiden Fotos und andere Informationen für diesen Bericht zur Verfügung.


 (Lt. Schmiedel steigt in eine von ihm geflogene Me Bf 109.) (Foto: Margot Schmiedel)


Bauchlandung eines einmotorigen deutschen Jagdflugzeugs


Ort:                                            Kirchhain, Bei der ehemaligen Badeanstalt

Datum:                                       22. April 1944

Uhrzeit:                                      ca. 19.30 Uhr

Flugzeugtyp:                              Messerschmitt Bf 109 G-6

Werknummer:

Kennung:                                  „Weiße 3”

Motor:                                      1 flüssigkeitsgekühlter Zwölfzylinder 
                                                 hängender V-Motor Daimler Benz DB 605

Einheit:                                     4. Staffel/ Jagdgeschwader 53 „Pik-As”

Startflughafen:                           Eschborn bei Frankfurt am Main

Flugzeugführer:                         Leutnant Harti Schmiedel

Erkennungsmarke:                    53931 / 169

Geburtsdatum:                         11. Dezember 1922

Geburtsort:                              Neudorf / Erzgebirge

Verbleib:                                  Unverletzt bei Bauchlandung

Ursache d. Bauchldg.:               Berührung mit einem zweiten deutschen 
                                             Flugzeug

 
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