Fliegerschicksale über Lumda, Lahn und Ohm
  28. Mai 1944
 
 

Pfingstsonntag, 28. Mai 1944
 

An diesem Tag erfolgte der zweite schwere Angriff der 8. USAAF auf die deutsche Treibstoffindustrie.
Mehr als 1300 viermotorige Kampfflugzeuge wurden von den Amerikanern an diesem Tag in den Kampf geworfen.

Die Hauptziele dieses Tages waren die Hydrierwerke in und bei Böhlen, Leuna, Lützkendorf, Magdeburg, Ruhland und Tröglitz. Auch das Öllager von Königsburg bei Magdeburg und eine große Anzahl Flugzeugwerke wurden bombardiert.
Die deutsche Abwehr brachte etwa 330 Flugzeuge gegen diesen Einflug in die Luft, welche nicht nur gegen die viermotorigen amerikanischen „Fliegenden Festungen”, sondern auch noch gegen mehr als 1200 amerikanische Jagdflugzeuge bestehen mußten.
Nach Ende dieses Tages hatten es die amerikanischen Luftstreitkräfte geschafft, daß die Treibstofferzeugung der im Deutschen Reich befindlichen Hydrierwerke um die Hälfte zurückging.
 

Die Verluste der Amerikaner beliefen sich an diesem Tag auf 33 Bomber und 17 Jagdflugzeuge.

Die Deutschen verloren 69 Maschinen, von denen sich aber einige wieder Instand setzen ließen.

Aber auch 19 deutsche Flugzeugführer fielen in den Einsätzen dieses Tages und 15 weitere wurden verwundet.

Über dem Landkreis Marburg/Biedenkopf kam es zu kurzen Luftkämpfen, in denen die deutschen Flugzeugführer aber hoffnungslos unterlegen waren.

Ein in Paderborn gestarteter Schwarm der III. Gruppe des Jagdgeschwaders 1 „Oesau” geriet über dem Ebsdorfer Grund an eine vielfach überlegene Gruppe amerikanischer P-51 „Mustang”, die sich bereits auf dem Rückflug befanden.
Ein kurzer, ungleicher Luftkampf fand statt, bei dem die Flugzeugführer der Messerschmitt-Jagdflugzeuge ohne Chance gewesen sein dürften. Zwei der deutschen Maschinen stürzten ab. Einer der Flugzeugführer fiel, der andere konnte sich noch in letzter Sekunde mit dem Fallschirm aus seiner schwer getroffenen Maschine retten.
 

Ebsdorf, Pfingstsonntag, 28. Mai 1944
 

Hubert Heckmann, ein ehemaliger Flugzeugführer im Jagdgeschwader 1, schrieb in seinen Aufzeichnungen über diesen Tag:
„... Am frühen Nachmittag ging der Lautsprecher und befahl Hptm. Burkhardt, Lt. Hans Halbey, Obfw. Fritz Timm und mich umgehend in Sitzbereitschaft mit anschließendem Start auf rückflutende Bomberverbände. Ich nahm eine fremde Maschine, fand aber meine Netzkopfhaube nicht. Ehe ich eine passende andere gefunden hatte, waren die drei anderen gestartet. Sie gerieten kurz nach dem Start in einen Mustangverband von 18 Maschinen.
Hans Halbey kam später zu mir und erzählte den Verlauf:

Burkhardt kam aufgrund seiner guten Fliegerleistung heile da raus. Halbey wurde nach dem Abschuß einer Mustang selbst abgeschossen; er erhielt einen Kabinentreffer, der seine Kabinenhaube zertrümmerte und ihn durch Splitter verletzte, und mußte mit dem Fallschirm aussteigen. Fritz Timm hielt sich zunächst sehr gut, kam dann aber in schwerste Bedrängnis. Das letzte, was Hans Halbey von ihm hörte, war der Notruf: „Nun helft mir doch!” Dann wurde er tödlich abgeschossen. Fritz Timm war wegen seiner vorbildlichen Haltung in der Gruppe hochgeschätzt. Für mich als Anfänger wäre dieser Einsatz wahrscheinlich der dritte und letzte Feindflug geworden.”
 

Hubert Heckmann hätte eigentlich selbst als vierter Flugzeugführer den Schwarm vervollständigen sollen, da er aber von einem Einsatz am 25. Mai ohne Maschine und Sprechhaube zurückkam, war es ihm nicht möglich.

Es war etwa 15.30 Uhr, als Hans Sohl, Ebsdorf, damals 10 Jahre alt und zu Besuch in Dreihausen, einen Luftkampf zwischen deutschen und amerikanischen Flugzeugen beobachtete:
Am Pfingstsonntag 1944 befand ich mich mit meiner Mutter zu Besuch bei meiner Großmutter in Dreihausen. Von dort aus konnte ich einen Luftkampf über dem Tal der Zwester-Ohm beobachten. Ich sah plötzlich ein Flugzeug mit starker Rauchentwicklung unweit des Bahnhofs von Ebsdorf heruntergehen.Als ich am Abend nach Ebsdorf kam, war es schon zu spät, um nach dem Flugzeugwrack zu sehen. Später hörte ich dann von anderen, daß das Flugzeug flach aufgekommen war, dabei Feuer gefangen habe und total ausgebrannt sei.

Der Flugzeugführer wurde, nachdem das Feuer aus war und keine Gefahr mehr durch explodierende Munition bestand, verkohlt aus dem Wrack herausgeholt und in einem Korb in die Ebsdorfer Kirche gebracht. Dort stand der Korb mit den sterblichen Überresten des Flugzeugführers bis zur Abholung durch ein Kommando vom Fliegerhorst in Gießen.”




(Fritz Timm in voller Montur) (Foto: Dietmar Philipp)

Die Maschine, die östlich des Ebsdorfer Bahnhofes, direkt an den Gleisen der ehemaligen Kreisbahn aufschlug und ausbrannte, war die Messerschmitt Bf 109 vom Obfw. Timm.


 (Der Bericht des Gendarmeriemeisters Schröder an den Landrat.) (Hessisches Staatsarchiv in Marburg)

Der Flugzeugführer, Oberfeldwebel Fritz Timm, geboren am 25. Februar 1917 in Gutow bei Güstrow, kam beim Aufschlagbrand ums Leben und wurde nach der Bergung und kurzzeitiger Aufbahrung in der Ebsdorfer Kirche in seine Heimat überführt. Dort wurde er unter militärischen Ehren auf dem "Heldenfriedhof" des städt. Friedhofs von Chemnitz beigesetzt. Das danach auf das Grab gesetzte obligatorische Eiserne Kreuz wurde 1950 entfernt und stattdessen wurde ein Grabkreuz aus Eichenholz aufgestellt.


(Die Grabplatte auf dem Grab des Obfw. Timm im November 2012)(Foto:Dirk Sohl)
Etwa um 1960 wurden dann Steinplatten mit den Namen von vier bis sechs Gefallenen zu ebener Erde eingelassen.
Das Grab befindet sich auf dem städt. Friedhof in Chemnitz in der Abteilung 54 und wird bis heute von Angehörigen, heute von Herrn Dietmar Philipp, gepflegt und in ehren gehalten.




(Gertraude und Fritz Timm am Tag ihrer Hochzeit in Chemnitz.)(Foto: Dietmar Philipp.)

Am 28. Mai 1944 sollte Fritz Timm eigentlich nicht starten, wurde aber mit drei weiteren auf dem Fliegerhorst Paderborn verbliebenen Kameraden zum Start auf rückfliegende Bomberverbände befohlen und hob dort um 15.12 Uhr zu seinem letzten Flug ab.
Obfw. Timm war Angehöriger der 9. Staffel des Jagdgeschwaders 1 „Oesau” und flog an diesem Tag eine Messerschmitt Bf 109 G-6/AS mit der Werknummer 440 700. Seine Maschine hatte die Staffelkennung „Gelbe 3”.



(Fritz Timm in einer Bf 109 mit Bodenpersonal.) (Foto: Dietmar Philipp)

Fritz Timm gelangen in seiner Jagdfliegerkarriere 5 Luftsiege. Er schoß eine englische Mosquito, eine englische Lancaster, eine amerikanische B-17 „Flying Fortress”, eine amerikanische P-47 „Thunderbolt” und als letzter Luftsieg am 24. Mai 1944 eine amerikanische P-51 „Mustang” ab.



(Fritz Timm als Unteroffizier, etwa 1943.)(Foto: Dietmar Philipp.)

Eine amerikanischer Pilot in einer P-51 „Mustang” war es dann auch, der sein Schicksal besiegelte, nämlich 1stLt. Francis Eshelman von der 357. Fighter Squadron in der 355. Fighter Group. Er errang mit dem Abschuß dieser Messerschmitt seinen ersten Luftsieg. 


 Im September 2008 besuchte ein Verwandter von Fritz Timm den Ebsdorfergrund. Herr Dietmar Philipp traf am späten Nachmittag des 11. September in seiner Unterkunft am Frauenberg ein und konnte noch am selben Abend mit Interessierten Informationen über Fritz Timm und den schicksalhaften 28. Mai 1944 austauschen.
Am folgenden Tag traf er sich im strömenden Regen u.a. mit Konrad Scherer aus Ebsdorf, der den Luftkampf beobachtet hatte und ihm die Absturzstelle zeigte. Dort wurden eine weiße Rose und eine Schleife mit der Aufschrift "Dem Piloten Fritz Timm, von Verwandten und Freunden, Sep. 2008" an einem in den Boden eingelassenen Stichel befestigt.
Beim anschließenden Besuch in der Ebsdorfer Kirche wurde von ihm ein Kranz mit Schleife und selbigen Wortlaut im rechten Teil des Kirchganges niedergelegt und dem Gefallenen gedacht. Dabei war auch Frau Anna Bender, die Küsterin, welche den Absturz als Kind selbst miterlebt hatte.

 Kurz vor Weihnachten 2010, nahm Herr Philipp mit uns Kontakt auf und stellte uns einige Fotos zur Verfügung, welche wir jetzt auch hier veröffentlichen dürfen. Im März 2012 wurde dann eine Erinnerungstafel mit einer von Herrn Dietmar Phillip gespendeten Tafel an der Absturzstelle aufgestellt.



(Dirk und Paul Sohl an der im März 2012 aufgestellten Gedenktafel)(Foto: Petra Schilder)


 

(Die Gedenktafel an der Absturzstelle zwischen Ebsdorf und Heskem)(Foto: Petra Schilder)


Absturz eines einmotorigen deutschen Jagdflugzeugs

 

Ort:                                                  Ebsdorf, ca. 300 Meter östlich des Bahnhofes

Datum:                                             28. Mai 1944

Uhrzeit:                                            ca. 15.30 Uhr

Flugzeugtyp:                                     Messerschmitt Bf 109 G-6/AS

Werknummer:                                   440 700

Kennung:                                          „Gelbe 3”

Motor:                                             1 flüssigkeitsgekühlter Zwölfzylinder 
                                                       hängender V-Motor Daimler Benz DB 605

Einheit:                                            9. Staffel/ Jagdgeschwader 1 „Oesau”

Startflughafen:                                  Paderborn

Flugzeugführer:                                Obfw. Fritz Timm

Erkennungsmarke:                            1 / 208 469

Geburtsdatum:                                 25. Februar 1917

Geburtsort:                                      Gutow

Verbleib:                                         Gefallen

Absturzursache:                               Luftkampf mit P-51 „Mustang”

Grablage:                                        Städtischer Friedhof in Chemnitz


 
 

Rauischholzhausen/Mölln, Pfingstsonntag, 28. Mai 1944
 

Auch im Schloßpark Rauischholzhausen stürzte an diesem Tag ein deutsches Jagdflugzeug ab.

Der damalige Leutnant Hans Halbey konnte nach dem Luftkampf noch verwundet aus seiner Maschine abspringen und landete am Fallschirm im Wald bei Mölln.

Im Dezember 1997 gelang es uns, mit ihm Kontakt aufzunehmen, und er sendete uns seine Geschichte dieses Tages zu, welche ich hiermit komplett wiedergeben möchte.
 

28. Mai 1944, Pfingstsonntag, sonnig und „strahlend blau”, wie nun einmal Pfingstsonntage zu sein haben. Ein Flugplatz bei Paderborn, am Flugplatzrand gehen die Menschen festlich gekleidet und fröhlich gestimmt zur nahen Dorfkirche oder auf Pfingstspaziergang durch die Felder. Wir sitzen in Fliegerkombination und Schwimmweste in Alarmbereitschaft und zittern den nächsten Minuten und Stunden entgegen. Wir - das sind gerade noch drei flugfähige Piloten in drei gerade noch flugfähigen Messerschmitt-Jagdflugzeugen, Rest einer Jagdgruppe mit Sollstärke von 50 Piloten. Und dann kommt der Startbefehl aus dem fernen unterirdischen Divisionsgefechtsstand: Bekämpfung der eingeflogenen feindlichen Jagdverbände! Drei Piloten sollen Verbände bekämpfen! Aber Hauptmann Burkhardt, einer der drei Piloten (neben Oberfeldwebel Timm und mir), verweigert den Startbefehl mit der Begründung, daß gerade etliche amerikanische Jagdflugzeuge vom Typ „Mustang” unseren Platz umkreisen und jede deutsche Maschine schon im Start abschießen würden.

Bei der Division gewährt man Aufschub.

Dann erneuter Startbefehl mit angegebener Flugrichtung. Burkhardt befiehlt schon im Starten niedrigsten Tiefflug, um möglichst unbemerkt die Route fliegen zu können. Es dauert nicht lange und es verwickeln uns 18 Mustangs in ziemlich geringer Flughöhe in einen Luftkampf, unweit von Marburg. Ich bemerke zwei Mustangs hinter mir und versuche, mich in steilen engen Kurven so hoch zu schrauben, daß die Mustangs hinter mir keinen Vorhaltewinkel zum Abschießen erreichen können. Beide Mustangs schrauben mit nach oben, dicht hinter mir. Ich versuche eine andere Taktik, stürze die Maschine steil abwärts, ziehe mit Gewalt wieder steil hoch, nehme dabei Gas weg und lasse das Flugzeug zur Seite schieben, was auch die Fahrt ausnimmt. Wie erwartet, reagiert die zweite Mustang hinter mir zu spät (wohl ein noch unerfahrener Pilot), fliegt mit seiner noch hohen Geschwindigkeit an mir vorbei, und ich bekomme sie mit einer leichten Wendung direkt in mein Visier und schieße;die Mustang zeigt Rauchfahne und dreht nach unten ab.

Im gleichen Augenblick hat aber die andere Mustang meine Maschine im Visier, schießt, um mich herum fliegen die Fetzen vom Armaturenbrett, ich merke, der Vogel ist steuerlos, werfe das Kabinendach ab, Anschnallgurte los und raus - und merke voller Schrecken, daß wir sehr niedrig über der Erde sind, Wird das reichen, bis der Schirm sich öffnen kann? Ich ziehe sofort den Fallschirmgriff, der Schirm öffnet sich, ich schwebe dicht über einen Wald, sehe eine Mustang auf mich zu fliegen, die auf mich schießt, da bin ich auch schon in den Baumwipfeln angelangt und bleibe, sanft aufgefangen, im Astwerk pendelnd hängen. Ich lasse den Schirm oben hängen, klettere an den Ästen herunter, da kommen schon die ersten Pfingstspaziergänger angelaufen. Sie haben am Waldrand die Kurbelei gesehen und auch mitbekommen, daß eine Mustang auf mich am Fallschirm geschossen hat.

Man bringt mich zum nächstgelegenen Dorf Mölln, und ich erfahre, was die Leute alles beobachtet haben. Hauptmann Burkhardt wurde angeschossen und flog mit Rauchfahne davon (er hatte gerade noch einen anderen Flugplatz erreichen und sicher landen können).

Die von mir abgeschossene Mustang hatte eine Bauchlandung machen können, den unverletzten Piloten hätten die Leute gelyncht, wenn nicht sofort deutsche Wehrmacht im Kübelwagen gekommen wäre; die nahm den Amerikaner mit. Warum gelyncht? Weil die Mustangs, ehe wir drei deutschen Jagdflugzeuge kamen, so aus Spaß auf die Spaziergänger auf den Feldwegen geschossen hatten, die zudem noch die kleidsame Schwälmer Festtracht trugen.
Und Oberfeldwebel Timm? Der lag verbrannt neben den Trümmern seiner Maschine, nur noch ein kleines schwarzes Päckchen Mensch. Man hat mir den Anblick leider nicht erspart.

Ich wurde dann wie ein Pfingstochse gefeiert, versteht sich. Alle rissen sich um mich, bei wem ich einkehren, bei wem ich übernachten sollte. Aber eine Ärztin nahm mich zunächst mit in ihre Praxis, zeigte mir die unumgängliche riesige Tetanus-Spritze (versprach mir viel Kuchen für tapferes Hinhalten der nackten Sitzfläche) und holte nach der Spritze viele kleine Splitterchen aus dem Gesicht, aus den Augenlidern, aus Nase und Wangen. Dann durfte ich mich zur Arztfamilie an den festlichen Pfingstkaffeetisch setzen und jede Menge von Kuchen und Torten in mich hineinschaufeln. Übernachtet habe ich natürlich auch bei der Familie, die mich im Wald gefunden hatte, und ich erinnere mich ganz genau an ein riesiges altes Bauernbett mit karierten Bezügen und unheimlich viel Kissen.

Etwa zwei Jahre später machte ich auf der Reise nach Mainz einen Abstecher nach Mölln und ließ mich von den Dorfbewohnern in den Wald führen, wo nicht weit von meiner Fallschirmlandestelle mein Flugzeug in den Boden geschlagen war. Da stand ich vor einem ansehnlichen Trichter im dichten Gehölz, mit tausend zerfetzten Wrackteilen der Maschine, und es roch noch immer nach Benzin, Metall, Magnesium und Pulver- und ich hatte das seltsame Gefühl, vor meinem Beinahe-Grab zu stehen.”


(Leutnant Hans Halbey.) (Foto: Hans Halbey)

Der Absturz bzw. die Bauchlandung der amerikanischen P-51 „Mustang” hat nicht in unserer Nähe stattgefunden. Da Hans Halbey in seinem Text aber auch einmal die Schwälmer Tracht erwähnt, könnte es durchaus sein, daß der Amerikaner mit der Maschine nach Osten geflogen ist und dort, irgendwo in der Schwalm, seine Maschine landete.

Die von Leutnant Halbey an diesem Tag geflogene Maschine war eine Messerschmitt Bf 109 G-6 mit der Kennung „Schwarze 13”.

Der amerikanische Pilot, dem der Abschuß zugesprochen wurde, war 2ndLt. Walter McFarlane von der 357. Fighter Squadron in der 355. Fighter Group.
Sein Einsatzbericht dieses Tag stimmt mit den meisten Aussagen von Hans Halbey überein.

Nicht erwähnt wird von ihm, daß aus den Mustangs zunächst auf Spaziergänger geschossen worden sein soll und daß er auf den am Fallschirm hängenden Lt. Halbey geschossen habe. Auch hat diese Einheit an diesem Tag keinen P-51 „Mustang”-Verlust zu beklagen.
Vielleicht aber konnte der amerikanische Pilot auch seine Maschine in der Luft halten und sicher nach Hause bringen. Ein eventuelles kurzes Fliegen mit Notleistung kann im engen Luftkampf zum Glauben führen eine Rauchentwicklung sei entstanden und man habe den Gegner angeschossen. Auch ist bisher nichts über versuchte Lynchjustiz an diesem Tag bekannt. Herr Halbey flog sicherlich noch dutzende Einsätze nach diesem mit dem Fallschirmabsprung endenten Flug. Und dabei kann man zwei Erinnerungen von verschiedenen Einsätzen sicherlich auch einmal verwechseln.
Die Ärztin, von der Hans Halbey berichtete, war Frau Dr. Auguste Weber, die in Ebsdorf ihre Praxis hatte. Auch heute ist in dem Ärztehaus noch eine Arztpraxis untergebracht.


(Kopie einer Seite aus dem Flugbuch von Lt. Halbey mit den Einträgen vom 28. Mai 1944.) (Foto: Hans Halbey)

In seinem Bericht schreibt Walter McFarlane, daß seine Einheit zum Schutz einer angeschossenen B-17 „Flying Fortress” hier unterwegs war und dann zunächst zwei, später die dritte Messerschmitt erkannt wurden, die nach ihrer Vermutung den Bomber abschießen sollten.
Auch gibt es noch eine weitere Aussage eines Mannes, der nicht genannt werden wollte. Er sagte aus, daß die Maschinen in Paderborn aufgestiegen waren, um einen angeschlagenen Bomber abzuschießen, der sich mit nur noch drei laufenden Motoren auf dem Rückflug in Richtung England befand.
Die in Paderborn gestarteten Messerschmitts müssen dem Bomber also schon ziemlich nahe gewesen sein, als der amerikanische Jagdschutz sie entdeckte und sie von ihrem Vorhaben abbrachte.
Im Wald bei Rauischholzhausen, im Distrikt Park 2, befindet sich heute noch der Aufschlagtrichter der Maschine, welchen Hans Halbey etwa 1947 noch einmal besichtigte.

Er stand, so schrieb er mir, ganz ergriffen vor seinem „Beinahe-Grab”.
Auch hier wurden die Flugzeugteile in den 1950er-Jahren von ortsansässigen Bürgern geborgen und der Altmetallverwertung zugeführt.


 


 

Absturz eines einmotorigen deutschen Jagdflugzeugs


 

Ort:                                                   Rauischholzhausen, Walddistrikt Park 2

Datum:                                              28. Mai 1944

Uhrzeit:                                             ca. 15.30 Uhr

Flugzeugtyp:                                     Messerschmitt Bf 109 G-6

Werknummer:

Kennung:                                          „Schwarze 13”

Motor:                                              1 flüssigkeitsgekühlter Zwölfzylinder
                                                        hängender V-Motor Daimler Benz DB 605

Einheit:                                            Gruppenstab III. Gruppe/ Jagdgeschwader 1 „Oesau”

Startflughafen:                                   Paderborn

Flugzeugführer:                                Lt. Hans Halbey

Erkennungsmarke:                           68416 / 49

Geburtsdatum:                                 19. August 1922

 Geburtsort:                                     St. Wendel

Verbleib:                                         Verwundet - Fallschirmabsprung

Absturzursache:                               Luftkampf mit P-51 „Mustang”



 

Mengsberg, Pfingstsonntag, 28. Mai 1944

An diesem wunderschönen Pfingstfeiertag mußte aber auch eine amerikanische „Fliegende Festung” in unserem Landkreis zu Boden.
Die von einem Angriff aus Richtung Magdeburg zurückfliegende B-17 G-1-VE „Flying Fortress” der 563. Bombardment Squadron und der 388. Bombardment Group hatte bereits kurz nach dem Bombenwurf über ihrem Angriffsziel einen Flaktreffer in die rechte Tragfläche erhalten, wobei beide Motoren an dieser Seite ausgefallen waren.
Dem Piloten, 2ndLt. Marquis Ausman Fjelstedt, gelang es zwar, die schwer getroffene Maschine zunächst in der Luft zu halten, konnte aber nicht mehr die notwendige Geschwindigkeit und Höhe halten.
Der damalige Navigator 2ndLt. Herbert Joseph Houlihan berichtete, daß die Maschine auch mit nur zwei funktionsfähigen Motoren den Rückweg nach England geschafft hätte, wenn sich die Propeller in Segelstellung hätten verstellen lassen.
Dies war aber durch die Beschädigungen an dieser Tragfläche nicht möglich, so daß der Luftwiderstand zu groß war, als daß man, selbst mit Vollgas der beiden anderen Motoren, die Höhe hätte halten können.
So verlor diese Maschine nicht nur an Höhe, sondern auch den Anschluß an ihre Einheit.

Ganz allein und angeschossen, langsam und im Tiefflug, wäre diese B-17 ein „gefundenes Fressen” für die deutschen Jagdflugzeuge gewesen. Sich dieser Tatsache bewußt, rief die Besatzung über Funk die eigenen Begleitjäger und bat um Jagdschutz.So versuchte die Besatzung wenigstens noch nach Holland zu gelangen, um bei Widerstandskämpfern Unterschlupf zu finden.

Aber dies sollte nicht mehr gelingen. Zwei amerikanische Jagdflugzeuge fanden, nach dem Notruf zwar die nur noch in Haushöhe fliegende „Fortress”, konnten sie jedoch nur noch bis zu ihrer Bauchlandung bei Mengsberg begleiten.

 (Die bei Mengsberg bauchgelandete Maschine, notdürftig mit Gesträuch getarnt.) (Foto: Konrad Rudolph)

So endete der 10. Einsatzflug dieser Besatzung. Zehnmal war sie in Knettishall, England zu Feindflügen gestartet. Dreimal mußte der Einsatz wegen technischer Störungen abgebrochen werden, und sechsmal war man nach dem kompletten Einsatz wieder zu dem Heimatflughafen zurückgekehrt.
Diesmal aber mußten sie fast ein Jahr in deutscher Gefangenschaft auf die Rückkehr in ihre Heimat warten.

Die vier Offiziere der Besatzung verbrachten den größten Teil ihrer Gefangenschaft im Stalag (Stammlager) 3 , wurden Ende Januar 1945 in Richtung Spremberg in Marsch gesetzt, erreichten Moosburg und wurden im April 1945 von Teilen der 3. US-Armee unter Feldmarschall Patton befreit.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß der am 28. Mai in Paderborn gestartete Messerschmittschwarm um Hptm. Burkhardt und Lt. Halbey auf diese Maschine angesetzt war, bevor er über dem Ebsdorfer Grund zerschlagen wurde.
Die zehnköpfige Besatzung begab sich unmittelbar nach der Bauchlandung in das nahe Waldstück, wo zunächst vier Mann und nach wenigen Minuten auch die restlichen 6 Besatzungsmitglieder von einem im Urlaub befindlichen Wehrmachtsoldaten gefangen genommen wurden.
Die ersten vier Männer gaben gleich ihre Waffen heraus und die anderen sechs, die sich schon 300 Meter weiter im Wald aufhielten und vermutlich zunächst an Flucht gedacht hatten, ebenfalls, ohne Gegenwehr.

Der deutsche Soldat brachte die Crew zunächst zu ihrer Maschine zurück, die den Namen „Hulcher´s Vultures” trug, wo sie die Bordwaffen entladen und sichern mußten.
Auch wurde ihm dort versichert, daß die Bomben schon lange abgeworfen worden waren.
Danach ging es weiter zu Fuß in Richtung Mengsberg. Unterwegs schlossen sich immer mehr Menschen dem ungleichen Gefangenentransport an. Da viele in Kassel Ausgebombte in den Dörfern der Umgebung einquartiert waren, kam es auch zu Handgreiflichkeiten, die aber von dem einzelnen Wehrmachtsfeldwebel untersagt wurden.
Er brachte die Gefangenen zunächst zur Schule, wo er sie vorübergehend einsperren wollte, aber auf dem Schulhof angekommen, begegnete er schon zwei Polizisten aus Treysa, die die Männer und die Handfeuerwaffen übernahmen.

 (Die Besatzung der B-17) (Foto: Konrad Rudolph)

Im Jahre 1989 besuchte der ehemalige Navigator, Herbert J. Houlihan, die Notlandestelle bei Mengsberg.
Auf Initiative von Herrn Konrad Rudolph aus Homberg/Efze, der in seinem Buch „Flieger über Fulda, Schwalm und Eder - Chronik des Luftkrieges von 1942 bis 1945 im Gebiet des Schwalm-Eder-Kreises” ausführlich über diese Landung und das Geschehen danach berichtet, wurde dieser Besuch organisiert. So konnte einer der Besatzungsmitglieder 45 Jahre nach diesem Geschehen den Ort seiner Gefangennahme nochmals besuchen.
Die gesamte Besatzung überlebte diesen Tag ohne ernstzunehmende Verletzungen und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Insgesamt hatte die „Hulcher´s Vultures” 121 Einsätze gegen Deutschland und die von den Deutschen besetzte Gebiete geflogen. Der erste amerikanische Pilot, der diese B-17 flog, war Wendell Hulcher, daher auch der Nickname für diesen Bomber. („Vulture” bedeutet „Geier”.)
Die Maschine selbst wurde zunächst von Deutschen getarnt, um zu verhindern, daß sie von amerikanischen Jagdflugzeugen zerstört werden konnte.

(Dieses Foto zeigt die „Hulcher´s Vultures” vor einem Einsatz in England.) (Foto: Janet Pack)

Dann wurde sie in transportfähige Einzelteile zerlegt und mit der Bahn abtransportiert.
Eine fast intakte Maschine dieses Typs war für die deutschen Wissenschaftler ein sehr interessantes Untersuchungsobjekt.
Auch ist bekannt, daß Beutemaschinen von der deutschen Luftwaffe zur Schulung ihres fliegenden Personals benutzt wurden. So konnte man den Angriff auf solch eine Maschine in der Luft üben, ohne daß einem jede Menge „Blei” entgegen kam.

 

Bauchlandung eines viermotorigen amerikanischen Bombers

Ort:                                                  Mengsberg, Im freien Feld in Richtung Wiera

Datum:                                             28. Mai 1944

Uhrzeit:                                            14.55 Uhr

Flugzeugtyp:                                     Boeing B-17 G-1-VE
                                                        „Flying Fortress”

Werknummer:                                  42-39845

Nickname:                                       „Hulcher´s Vultures”

Hersteller:                                        Lockheed in Vega

Motoren:                                          4 luftgekühlte Wright R-1820-97 Cyklone 9 Zylinder Sternmotoren

Einheit:                                            563st Bombardment Squadron
                                                       in der 388th Bombardment Group

Heimatflughafen:                              Knettishall, England

Angriffsziel:                                     Öllager Königsburg bei Magdeburg.

Ursache der Notlandung:                  Flaktreffer und dadurch bedingter 
                                                      Ausfall von zwei Motoren

Besatzung:
 Pilot:                            2ndLt.   Marquis Auland Fjelsted          Gefangenschaft

Co-Pilot:                       2ndLt.   William Copeland Hudson Jr.   Gefangenschaft

Navigator:                     2ndLt.   Herbert Joseph Houlihan          Gefangenschaft

Bombenschütze:            2ndLt.   Chester Paul Tracewski            Gefangenschaft

Bordmechaniker:           T/Sgt.   John Edward McBrien              Gefangenschaft

Bordfunker:                   T/Sgt.    Edward James Stringer            Gefangenschaft

Bodenkanzelschütze:      S/Sgt.    George Francis Hoover            Gefangenschaft

re. Rumpfschütze:           S/Sgt.    Harold Stanley McCarty          Gefangenschaft

li. Rumpfschütze:             S/Sgt.   John Rutherford Shatz              Gefangenschaft

Heckschütze:                  S/Sgt.   John Leal Perry                        Gefangenschaft

 

 
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