Fliegerschicksale über Lumda, Lahn und Ohm
  22. Februar 1945
 
Landkreis Marburg / Lahn am 22. Februar 1945

Aus Meldungen des Landrats an das Luftgaukommando VI in Münster in Westfalen vom 23. Februar 1945 konnten einige neue Informationen zu Angriffen der amerikanischen Luftstreitkräfte auf das Gebiet rund um Marburg ermittelt werden.
Am 22. Februar 1945 griff ein Jagdverband mit etwa 15 Flugzeugen und ein etwa zwölf Maschinen großer, nachfolgender Bomberverband, Bahnanlagen, Bauerndörfer sowie Wald und Flur zwischen 14.00 Uhr und 15.30 Uhr an.
Auf den Bahnhof in Stadtallendorf, sowie auf das angrenzende Werkgelände der Sprengstofffabriken wurden acht schwere und eine leichte Sprengbombe abgeworfen, sowie verschiedene Angriffe mit Bordwaffen durchgeführt.
Auch ist von einem Benzinbehälter mit Zündung die Rede gewesen, bei welchem es sich aber wohl um einen Kraftstoffzusatzbehälter der amerikanischen Jagdflugzeuge gehandelt hat.
Durch diese Angriffe kamen in Stadtallendorf eine Frau, ein Mädchen und ein Junge ums Leben. Ein weiterer Junge und ein zweites Mädchen wurden schwer verletzt, sowie ein Junge leicht verletzt.
Im alten Dorf (Allendorf) wurde ein Wohnhaus, wohl durch den Kraftstoffzusatzbehälter und das anschließende Feuer total zerstört.
Die Hauptgleisanlagen im Bahnhof wurden durch einen Bombenvolltreffer ebenfalls außer betrieb gesetzt. Ein Güterschuppen am Bahnhof hatte ebenfalls Totalschaden. Die Wasserversorgung der Wasag (Westfälisch-Anhaltschen-Sprengstoff-AG) wurde unterbrochen, in der Wasag selbst aber nur geringe Teilschäden.
Auch auf Kirchhain wurden Angriffe geflogen.  Durch zehn mittlere Sprengbomben wurden vier Wohngebäude schwer und 20 Wohngebäude leicht beschädigt.
Die Gleisanlagen der Ohmtalbahn (Kirchhain-Burg-/Niedergemünden wurden durch einen Volltreffer unterbrochen.
Bei Anzefahr wurde der Munitionszug 96208 mit Bordwaffen angegriffen. Dabei wurde die Lok beschädigt und vier der mit Munition beladenen Wagen zur Explosion bzw. zum Ausbrennen gebracht.
Auf den Bahnhaltepunkt in Bürgeln fielen zwei Sprengbomben. Beide Bomben detonierten glücklicherweise aber nicht. Einer der beiden Blindgänger lag zwischen den Gleisen , so dass die Bahnlinie bis zur Beseitigung des Sprengkörpers in der kommenden Nacht komplett gesperrt blieb. Der zweite Blindgänger lag etwa 200 Meter abseits der Bahnlinie und stellte zunächst keine Gefährdung dar.
Auf Ginseldorf fiel eine Sprengbombe, die aber keinen Schaden anrichtete. Bei Gisselberg wurde ein Güterzug beschossen und von einigen Geschossen getroffen. Auch griffen Tifflieger mit ihren Bordwaffen den Bahnhof Neustadt an. hier gab es aber nur geringe Schäden am und um den Bahnhof. Über Dagobertshausen wurde auch eine Bombe abgeworfen, welche aber keinen Schaden anrichtete.
In Wehrda brannte eine Scheune durch Bordwaffenbeschuss ab, ein Stall wurde schwer beschädigt.
Auch Beltershausen wurde mit Bordwaffen angegriffen. Dadurch brannten zwei Scheunen ab, ein Wohnhaus wurde schwer beschädigt und zwei Ställe trugen leichtere Sachschäden davon.
In Ebsdorf setzten die Tiefflieger eine Scheune in Brand, welche komplett abbrannte.

Dazu schrieb der damalige Meister der Gendarmerie Schröder des Gendarmerie-Gruppenpostens Ebsdorf an den damalige Landrat in Marburg am 23. Februar 1945:

"Am 22.2.45 um 15.00 Uhr wurde Ebsdorf durch feindliche Flieger mit Bordwaffen angegriffen. Hierbei wurde die Scheune des Bauern Heinrich Bender I getroffen und in Brand gesetzt. Das fragliche Wirtschaftsgebäude brannte vollständig nieder, sodaß ein Totalschaden dieses Gebäudes zu beklagen ist. Durch das tatkräftige Einschreiten der hießigen und der Feuerwehren von Leidenhofen, Hachborn und Dreihausen konnten die angrenzenden Wirtschaftsgebäude gerettet werden. Die in der Scheune befindlichen Stroh- und Futtervorräte sowie die dort aufbewahrten landwirtschaftlichen Geräte sind restlos dem Feuer zum Opfer gefallen.
Menschen und Tiere sind nicht zu Schaden gekommen.
Der Angriff erfolgte aus einer Höhe von etwa 400 Metern und dauerte nur solange, während das Dorf überflogen wurde. Die Flugzeuge überflogen zuerst das Dorf in nördlicher Richtung ohne einen Angriff durchzuführen. Erst als sie wieder auf dem Rückflug aus der Gegend von Marburg kamen wurde das Dorf angegriffen."

Einige Zeitzeugen berichteten, dass es sich bei den Maschinen um sogenannte "Gabelschwanzteufel" oder "Doppelrumpfteufel" handelte. Diese Maschinen, P-38 "Lightning" wurden von der 9. USAAF verstärkt für Tiefflieger- bzw. Jagdbombereinsätze eingesetzt.
Vor Jahren wurde uns auch ein Foto vorgelegt, welches eine Maschine dieses Typs bei einem Angriff auf den Bahnhof in Marburg zeigt, aber ob die Aufnahme auch vom 22. Februar 1945 stammt kann im Moment nicht mit Sicherheit gesagt werden.
Am 22. Februar gegen 15.30 Uhr verstarb in Ebsdorf der Arbeiter Heinrich Lauer im achtundsechzigsten Lebensjahr. Im Sterberegister wird als Todesursache "Herzschlag bei Terrorangriff" angegeben.


Bahnhof und umliegende Gebäude wurden auch in Neustadt angegriffen. Dabei entstanden aber keine nennenswerte Schäden.
Eine Sprengbombe wurde auch auf Dagobertshausen abgeworfen, welche aber ebenfalls keine Schäden verursachte.

Ein großes Rätsel aber ist ein Fund in der Gemarkung Niederasphe. Morgens gegen 10.00 Uhr wurden dort zwei Fallschirme aus graugrüner Seide mit angehängten Drahtgeflechtkörben, überzogen mit Stoff gefunden. Die Fallschirme hatten einen Durchmesser von etwa 5 Metern. Die Drahtgeflechtkörbe hatten jeweils eine Länge von 60 cm. einer Breite von 40 cm und eine Höhe von 45 cm. Sie wogen jeweils etwa 25 bis 30 Kg.
Interessant aber war der Inhalt. Er bestand aus einer kompletten Infanterieuniform mit den Dienstgradabzeichen eines Leutnants, einer Stiefelhose, Bluse, Einheitsmütze, Offizierskoppel, Pistole 08, ein Soldbuch (nr. 148) ausgestellt auf den Namen Werner Raupach, Hagen. Ferner lagen eine Erkennungsmarke mit der Nummer 188/2 der Schützen Ersatz Kompanie 82 und Verpflegung und Sprengkörper bei.
Der Abwurf der beiden Fallschirme könnte auch schon am 21. Februar, abends gegen 22.15 Uhr geschehen sein.
Leider liegen uns hier noch keine weitergehenden Informationen zu. Es scheint aber die Ausrüstung für einen Saboteur gewesen zu sein.
 
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